Selbstfürsorge und Körperwahrnehmung

…oder die hohe Kunst sich selbst zu spüren

Selbstfürsorge muss nicht immer der besondere Jahresurlaub sein. Vielmehr geht es um ein Gespür für sich selbst, die eigenen Bedürfnisse, sowie die kleinen Momente im Alltäglichen.

Selbstfürsorge, Me-Time ist hoch in Mode. Und das ist gut so! Doch was bedeutet eigentlich Selbst-für-Sorge im Alltag?

Selbstfürsorge ist so viel mehr als ein Wellnesswochenende oder sich Hin und Wieder etwas zu gönnen. Selbstfürsorge ist die Kompetenz, sich insbesondere im  Alltagsleben zu spüren, sich um das eigene Wohl zu kümmern und dafür aktiv Verantwortung zu übernehmen. Dies ist keinesfalls so einfach, sondern eine hohe Kunst, die gelernt und geübt werden will.

Wie gelingt Selbstfürsorge und wie kann Körperwahrnehmung dabei hilfreich sein?

Grundsätzlich brauche ich ein Gespür für mich selbst. Erst dann kann ich meine Bedürfnisse wahrnehmen und ihnen folgen.

Doch ohne den Körper gibt es kein Gespür für die eigene Person. Dabei geht es keinesfalls nur um rein körperliche Wahrnehmungen. Spüren ist immer auch ein kognitiver Prozess. Die Kälterezeptoren meiner Hände nehmen beispielsweise Kälte wahr und leiten diese Information an mein Gehirn. Bevor mir dieser Vorgang bewusst wird, habe ich schon ganz selbstverständlich zu meinen Handschuhen gegriffen. Der Körper ist in diesem Fall eine wertvolle Brücke für das kognitive Erfassen der eigenen Bedürfnisse.
Im Winter ein Gespür für Kälte zu haben und für wohlig warme Kleidung zu sorgen, ist für viele selbstverständlich. Mir passiert es allerdings regelmäßig, dass ich konzentriert am Schreibtisch sitze und erst nach einigen Stunden merke, dass ich durchgefroren bin. Bis mir dann wieder warm ist, dauert es einige Tassen Tee. Und natürlich weiß ich, dass es eigentlich besser gewesen wäre, vorher ein paar kleine Pausen zu machen, in denen ich mein Kälteempfinden hätte bemerken können.

Im Kontakt mit anderen Menschen kann das Wahrnehmen des eigenen Körpers noch komplexer erscheinen, wie bei diesem Beispiel: Im Gespräch mit einer Person verspüre ich zunächst diffuses Unbehagen. Nehme ich mir einen Moment Aufmerksamkeit für meinen Körper, spüre ich, dass sich mein Magen zusammenzieht und mein Rücken sich steif anfühlt. Ich bin versucht, räumlich einen Schritt zurückzuweichen. Gestatte ich mir das, kann ich unter Umständen feststellen, dass sich die Person mir gegenüber verbal dominierend oder gar übergriffig verhält und ich kann mit einem deutlichen „Stopp!“ für mich sorgen. Mein Körper hat mich wissen lassen, dass ich mich schützen muss.

Sich selbst wahrzunehmen kann für Menschen, die ein gutes Körpergefühl haben, ganz einfach, für andere allerdings sehr schwierig sein.  Extrem schwierig wird es, wenn das Gespür für sich selbst verloren geht. Dies ist beispielsweise in Zuständen von Depressionen oder Traumata der Fall. Viele Betroffene erleben in diesen Fällen eine Selbstentfremdung, sodass die Frage: „Was würde mir gerade gut tun? „Was brauche ich?”, schwer zu beantworten ist. Das Wiedererlangen des Selbsterlebens wird dann zur mühsamen Aufgabe.

Aber auch ohne besondere psychische Belastungen ist im Alltag das Gespür für die eigenen Bedürfnisse meistens gar nicht so selbstverständlich. Da sind das Arbeitsleben, die Erwartungen und Bedürfnisse anderer Menschen und die alltäglichen Dinge, die einfach so passieren. Es gibt möglicherweise Zeitdruck, einen starren Rahmen auf der Arbeit, Konventionen und Regeln, somit bleibt wenig Raum für die eigenen Bedürfnisse. Gerade Eltern mit kleinen Kindern können davon ein Lied singen. Wer Zeit mit Kindern verbringt, stellt häufig eigene Vorstellungen und Wünsche zurück.
Hier findet eine Regulation der Bedürfnisse und des eigenen Selbst statt. Auch diese Selbstregulation gehört zur Selbstfürsorge. Im Arbeitskontext kann ich beispielsweise nicht immer dem folgen, was mir gerade gut tun würde. Ich passe meine Bedürfnisse an die Umwelt und an meine Möglichkeiten an. Das ist keinesfalls verkehrt, sondern eine Realität. Wichtig dabei ist, dass die Selbstfürsorge nicht zu kurz kommt, nicht hinten rüber fällt. Eins gehört zum anderen.

Die Balance zwischen Selbstregulation und Selbstfürsorge zu wahren, für beide gleichermaßen zu sorgen, ist eine Kompetenz, die immer wieder aufgefrischt und geübt werden muss.

Hierbei ist allerdings auch ein wohlwollender Umgang mit sich selbst und den eigenen Ansprüchen hilfreich. Beispielsweise ist es durchaus möglich, an müden Tagen in einem 70 Prozent – Modus zu arbeiten, anstatt immer 100 Prozent zu geben. Doch dies ist ein Thema für einen Post an anderer Stelle.

Praktische Selbstfürsorge für alle – eine Utopie!? Ein anderer Aspekt ist der Zugang zu Selbstfürsorge – Maßnahmen und Möglichkeiten. Diese gehören längst nicht zur Lebensrealität jeder Person. Viele können sich, gerade in diesen Zeiten, nicht leisten, einen regelmäßigen Saunagang als Selbstfürsorge zu betreiben oder haben neben der Arbeit keine zeitlichen Kapazitäten, noch in Ruhe eine Stunde Yoga am Abend zu machen, sondern gehen einem weiteren Job nach oder sind für ihre Kinder da. Gesunde Arbeitsbedingungen und eine faire Aufteilung von beispielsweise Care-Arbeit sind weitere Voraussetzungen dafür, dass die Umsetzung von Selbstfürsorge im Alltag möglich und kein Luxus für wenige ist.

Ein Spaziergang durch die Wiesen – Selbstfürsorge darf klein und alltäglich sein.

Bei der Selbstfürsorge geht es also erst einmal vorrangig um das Hineinspüren in sich und das Abstimmen der eigenen Bedürfnisse mit den Möglichkeiten in der persönlichen Lebensrealität. Zentrale Elemente sind dabei die körperliche und kognitive Wahrnehmung des (eigenen) Selbst.
Beide können gestärkt werden, z.B. in einem Selbsterfahrungsseminar. 


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Text verfasst von Lara Felisa Rubbel

Coaching & Körpertherapie
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