„Immer Sherlock Holmes bleiben“ – reflektieren und verbalisieren: Vom Spagat zwischen Anteilnahme und professioneller Distanz

Die Teilnehmenden der vierten Supervisionseinheit

Letzten Freitag fanden sich Prof. Dr. Monika Zimmermann und die Teilnehmenden der diesjährigen Coaching-Ausbildung zum vierten Mal für eine Supervisionseinheit virtuell zusammen. Auch diesmal hatten die angehenden Coaches die Möglichkeit, die Supervisionseinheit zum gemeinsamen Reflektieren von gemachten Erfahrungen mit der ein oder anderen Methode wie dem Solutionsurfing zu nutzen. Doch stets gibt es eben auch allgemeinere Herausforderungen rund um Coaching und den professionellen zwischenmenschlichen Umgang in komplexen Situationen. Dabei kristallisierten sich folgende spannende Fragen heraus:

Wie gehen wir mit dem Rollenkonflikt als Berater*in vs. Coach um? Wie verbalisieren und (de-)stabilisieren wir emotional-herausfordernde Momente auf einer professionellen Vertrauensebene? Wie helfen wir als Coach – und/oder sogar als Freund*in – in echten Krisensituationen? Können/Sollten wir als Führungskraft für Mitarbeitende mit bestimmten Coaching-Methoden da sein? Notwendigkeit, Chance und Risiko?

Es folgen Auszüge und Kerngedanken aus dem transkribierten Gespräch in der Ausbildungsgruppe. (Hinweis: Die Namen der Gesprächsteilnehmenden sind anonymisiert, mit Ausnahme der Ausbildungsleitung, Prof. Dr. Monika Zimmermann.)

Klar, dass wir als Coaches auch mal mit Berufskontexten konfrontiert ist, mit denen wir uns einfach aus eigener Erfahrung gut auskennen. Da ist es besonders schwierig, beim Coachee nicht in die Beraterrolle zu rutschen. Dieser Rollenkonflikt ist bei externen Klient*innen womöglich weniger präsent. Was in dem Fall bereits hilft, ist dies wahrzunehmen, zu bemerken und einfach mal anzusprechen. „Mir fällt dazu viel ein, ich halte mich aber erst mal zurück.“ Es gilt, die eigene ambivalente Doppelrolle – auf Meta-Ebene – klarzumachen, damit Coachees entscheiden können, mit welcher Rolle sie konfrontiert werden möchten.

Die Teilnehmenden teilten diesbezüglich ihre Gedanken:

Janis: Ich hatte viele Ideen, zu helfen, wollte aber nicht in die Beraterrolle rutschen. Ich hab das auch verbalisiert. Da hab ich gemerkt, wenn man zu nah dran ist, wird es schwierig. Bei Fremden grätscht man nicht so rein.

Nora: was ich vehementer umsetze, ist die Auftragsklärung, also in welcher Rolle soll ich ein Problem hinterfragen. Soll ich den Berater spielen (direktiv) oder coachen? Das mach ich sehr intensiv, dass den Leuten klar wird, mit welchen Rollen sie konfrontiert werden sollen. Das hat gut geklappt.

Und wie sieht es aus, wenn wir uns selbst mal mit emotional herausfordernden Momenten konfrontiert sehen? Auch dies kann ja eine Form des Rollenkonflikts sein. Auf der Suche nach den ‚richtigen‘ Worten im Spagat zwischen professioneller Distanz und Mitgefühl mag schonmal der Eindruck entstehen, dass es diese vielleicht gar nicht gibt. Welche Handlungsoptionen haben wir da als Coach, gerade wenn wir uns im Element des sachlichen Problemlösens bisher am sichersten bewegen konnte?

Luise: Bin es gewohnt, Probleme für andere zu lösen. Aber ich habe bereits Menschen durch mein Fragen und Zuhören dazu gebracht, aufgelöst zu sein. Bin das nicht gewöhnt und versuche zu trösten, aber mir fehlen manchmal die passenden Worte. Ich versuche eben, dass er/sie nicht das Gesicht verliert und zu vermitteln, dass ich da bin. Man kann die Leute ja nicht einfach umarmen, wie seine Kinder. Ich hatte aber auch schon sehr vetrauensvolle Momente.

Frank: Mir passiert das eher mit Mitarbeitenden und da sag ich meistens erstmal nichts und dann, dass es völlig in Ordnung ist, dass Emotionen dazugehören. Es sind Dinge, die ihnen unangenehm sind, wo Fehler passiert sind oder sie haben nicht so reagiert, wie sie wollten und werden damit konfrontiert. Ich versuche einen Rahmen zu schaffen, dass sie merken, es ist OK. Ich schaue je nach Situation, ob ich näher drauf eingehen kann oder nicht. Manchmal frag ich auch nach.

Während die Teilnehmenden bereits wussten, was man besser nicht tut und sagt, konnte Prof. Dr. Monika Zimmermann noch hilfreiche Anhaltspunkte anbieten, was tatsächlich proaktiv getan oder gesagt werden kann, um nicht hilflos-passiv zu verbleiben. Hier hilft auch die Verdeutlichung der positiven Wortwahl anstatt einer negativen: Anstatt dass etwas „nicht so schlimm“ ist, was ist es denn positiv ausgedrückt?

Der erste Ansatzpunkt ist hier wieder das transparente Ansprechen von dem, was ist, was wahrgenommen werden kann: „Ich merke, das treibt Sie jetzt richtig um. Hier passiert gerade etwas sehr Wichtiges für Sie.“ So ist der Coach gleichzeitig professionell-distanzierter Beobachter*in sowie empathisch-Teilnehmer*in.

Prof. Dr. Monika Zimmermann: Das sind die wertvollsten Momente im Coaching, die wir als Coaches gut nutzen können.

Das Ernst-Nehmen lebt die Vertrauenssituation, die es zwischen Coach und Coachee bereits gibt! Aber das braucht nicht nur Worte, sondern auch eine bestimmte Haltung. Eine Teilnehmerin drückte ihre Erfahrungen so aus:

Luise: man glotzt halt in den Bildschirm rein, versucht irgendwie den ‚ich fühle mit Dir‘-Gesichtsausdruck zu machen. Ich versuche auszustrahlen, ‚ich bin noch an Deiner Seite‘. Das ist ja auch mehr als große Worte.

Die nötige Resonanz kann dabei eben auch per virtuellem Video-Format vermittelt werden. Schließlich sind nicht nur Umarmungen in der Lage, menschliche Wärme auszustrahlen.
Das oft hilfreiche Spiegeln von Emotionen auf der verbalen Ebene ist dabei ein bisschen wie das Vorgehen eines Sherlock Holmes: „Es scheint, als hätte ich da einen wichtigen Punkt gefunden. Scheinbar sind wir da echt an was dran!“

Sherlock Holmes als Metapher für behutsam-analysierende Annäherung an komplexe Situationen sowie dessen Verbalisierung im Coaching

Wie ein Detektiv erlaubt sich der Coach vorsichtig, mehr nachzufragen. Ob die Bereitschaft, gemeinsam weiter nachzuforschen, da ist oder nicht – auf diese Art lassen sich emotionale Momente als Chance sehen, für beide Teilnehmenden. Es geht um das Willkommen-Heißen der Wertigkeit des Ereignisses.

Prof. Dr. Monika Zimmermann: Phrasen sind nicht der Königsweg, damit machen wir wieder das Verlies zu, das wir gerade gemeinsam geöffnet haben.

Das Ganze braucht dabei viel Zeit-, Hirn und Herz-Investition.

Doch gerade in echten Krisensituationen kann das schonmal zu einer anstrengenden Herausforderung werden. Ein Teilnehmer sprach über den zielführenden Gleichgewichtszustand zwischen Akzeptanz und Handlungsfähigkeit des Coachee, und wie sich dieser denn finden lässt:

Janis: Wie helfe ich jemandem, in diesen Gleichgewichtszustand zu kommen? Es ist schwer, zwischen egal – nicht egal, reinsteigern/festhalten – laufenlassen zu unterscheiden. Zum Beispiel möchte jemand, dass ich sie coache, es ist aber schwer für mich, einen Einstieg zu bekommen, wo das Ziel hingehen soll. Ich weiß hier nicht, wo ich ansetzen kann zur Unterstützung, ihren Weg zu finden. Ich möchte nicht beraten.

Die Teilnehmenden kamen im Verlauf zu der Erkenntnis, dass auch dieses Kontinuum dem Coachee zur eigenen Reflexion kommuniziert werden kann. Und daneben hilft es, erst mal nur faktenorientiert zu analysieren, anstatt direkt tiefgreifende Coaching-Methoden anzuwenden. So können in der komplexen Situation zunächst Möglichkeitsräume geschaffen werden. Die erneute Vergegenwärtigung der lebenswichtigen Wiederherstellung der Selbstwirksamkeit, Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit verhalf den angehenden Coaches damit selbst wieder zu einer eigenen, neuen Handlungsoption in ihrer beruflichen Laufbahn.

Und wenn einem dann doch mal das eigene ‚Bauchgefühl‘ sagt, dass es an der Zeit ist, Abstand zu nehmen, dann ist dies auch die bessere Option für sich selbst sowie den Betroffenen.

Und immer wachsam sein bei tiefgehenden, z.B. psychoanalytischen Methoden! Die sind v.a. in persönlicheren Beziehungen mit Vorsicht zu genießen. Denn gerade in bestehenden Arbeitsbeziehungen kann das engagierte ‚Aufdecken‘ à la Sherlock so manches Freilegen und dadurch sogar negative Konsequenzen mit sich bringen, die momentan noch nicht absehbar oder gewollt sind. Also auch hier:

Prof. Dr. Monika Zimmermann: Vorsicht vor dem vorschnellen diagnostischen Denken! Kann sein, oder auch nicht. Immer Sherlock Holmes bleiben.


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1 Kommentar zu „„Immer Sherlock Holmes bleiben“ – reflektieren und verbalisieren: Vom Spagat zwischen Anteilnahme und professioneller Distanz“

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