An unserem vergangenen Ausbildungswochenende (CA 6 Modul 5) führt Moni das Konzept des Verraumens als eine körper- und raumbezogene Praxis ein, die sie selbst seit vielen Jahren nutzt und die sie im Kontext von Online- und Präsenzformaten als besonders wirksam erlebt. Verraumen wird dabei nicht als Technik im engeren Sinne beschrieben, sondern als bewusste Wahrnehmung und Aneignung des Raumes, in dem sich ein Mensch gerade befindet.
Ausgangspunkt ihrer Darstellung ist die Annahme, dass menschliches Erleben grundsätzlich räum-lich organisiert ist. Menschen erleben sich nicht losgelöst von ihrem Umfeld, sondern immer in ei-nem konkreten Raum, der auf Körper, Psyche und geistige Zustände zurückwirkt. Räume können Sicherheit, Weite und Orientierung erzeugen, aber ebenso Enge, Unruhe oder Bedrohung. Dieses Wechselspiel wirkt unabhängig davon, ob es bewusst reflektiert wird.
Raum, Kontext und Ganzheit
Moni betont, dass Verraumen immer die Ganzheit des Menschen betrifft: Körper, Geist, Emotionen und Umwelt sind untrennbar miteinander verbunden. Menschen können ihren Körper sowohl als Innenraum wahrnehmen – etwa über Empfindungen, Spannungen oder innere Zustände – als auch als Teil eines Umraums, also eines äußeren Kontextes, in dem sie sich bewegen, sitzen oder sprechen. Und: Alles hängt unmittelbar mit allem zusammen – auch wenn wir das oft ausblenden und uns als davon „getrennt“ wahrnehmen.
Diese Kontextdimension ist im virtuellen Raum besonders relevant, da private, berufliche und persönliche Kontexte häufig gleichzeitig präsent sind. Der Raum, in dem jemand sitzt – Sofa, Büro, Bett, Arbeitszimmer – trägt Bedeutungen, Erinnerungen und emotionale Aufladungen in sich. Diese wirken im Coaching oder im Lernprozess mit, unabhängig davon, ob sie thematisiert werden.
Monis persönliche Praxis des Verraumens
Um das Konzept greifbar zu machen, schildert Moni ihre eigene Praxis bei Vorträgen. Seit ihrem ersten großen Vortrag komme sie bewusst frühzeitig in den Raum – häufig mindestens eine Stunde vorher – und beginne, sich den Raum körperlich zu erschließen. Dieses Verraumen beschreibt sie sehr konkret:
- Sie geht durch den Raum.
- Sie berührt Wände, Tische oder andere Gegenstände.
- Sie nimmt wahr, wie sich der Raum anfühlt.
- Sie erkundet, wo sie stehen, gehen oder sprechen möchte.
Dabei geht es nicht um Planung oder Technik, sondern um ein leibliches Sich-Verbinden mit dem Raum. Durch dieses bewusste Durchschreiten und Ertasten, Riechen entsteht ein Gefühl von Vertrautheit und Zugehörigkeit. Der Raum wird nicht länger als etwas Äußeres erlebt, sondern als Teil des eigenen Erlebens.
Wirkung des Verraumens auf Sicherheit und Präsenz
Moni beschreibt, dass dieses Vorgehen ihr hilft, sicherer, wacher und präsenter zu werden. Je stärker sie sich mit dem Raum verbindet, desto mehr stabilisiert sich ihre innere Atmosphäre. Diese innere Stabilität wirkt wiederum nach außen und beeinflusst die Begegnung mit anderen Menschen.
Verraumen wird damit als eine Möglichkeit dargestellt, Fremdheit im Raum zu reduzieren. Wer sich nicht verraumt, bleibt – so Monis implizite Beschreibung – ein Stück weit Fremdkörper im Raum. Dies gilt sowohl für Präsenzsettings als auch für den virtuellen Raum, in dem Menschen häufig körperlich unbeweglich bleiben und den Raum um sich herum kaum bewusst wahrnehmen.
Raum als Bedeutungs- und Erinnerungsraum
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Bedeutung von Räumen als Erinnerungs- und Bedeutungsräume. Moni erinnert sich an eigene Erfahrungen aus früheren Lebensphasen, etwa an das Tanzen (modern dance) in großen Turnhallen. Diese Erinnerungen sind mit intensiven körperlichen Empfindungen von Kraft, Freiheit und Lebendigkeit verbunden und können auch Jahre später noch emotional wirksam werden.
Räume speichern demnach Erfahrungen – positive wie negative. Diese gespeicherten Erfahrungen können durch bewusste Wahrnehmung wieder aktiviert werden. Verraumen ermöglicht es, solche Erinnerungen gezielt zu nutzen, um die eigene Befindlichkeit zu beeinflussen und zu regulieren.
Verraumen als Einladung zur Selbstwahrnehmung
Moni lädt die Teilnehmenden dazu ein, das eigene Verraumen unmittelbar auszuprobieren. Sie stellt einfache Fragen, die den Fokus auf den Raum lenken:
- Wo befinde ich mich gerade im Raum?
- Was ist hinter mir, was vor mir?
- Wo sind Tür und Fenster?
- Fühle ich mich an diesem Platz wohl oder gestört?
- Gibt es Gegenstände, die irritieren oder ablenken?
Diese Fragen zielen nicht auf Bewertung, sondern auf bewusstes Wahrnehmen. Verraumen bedeutet, den Raum zu begehen, zu spüren, zu betrachten, zu riechen oder auch zu zeichnen – je nachdem, was für die eigene Ganzheit hilfreich ist.
Verraumen, Nähe und Distanz
Moni weist darauf hin, dass Verraumen nicht nur den physischen Raum betrifft, sondern auch Beziehungsthemen wie Nähe und Distanz. Diese können räumlich erfahrbar gemacht werden, etwa durch Positionierung, Bewegung oder bewusste Platzwahl. In diesem Sinne steht Verraumen in Nähe zu bekannten systemischen Arbeitsweisen, ohne dass diese im Detail ausgeführt werden.
Bedeutung für Online-Coaching
Besonders im virtuellen Raum misst Moni dem Verraumen eine hohe Bedeutung bei. Da körperliche Bewegung eingeschränkt ist und Aufmerksamkeit leicht fragmentiert wird, kann bewusste Raumwahrnehmung helfen, Präsenz, Konzentration und Selbstregulation zu unterstützen.
Sie empfiehlt ausdrücklich, Pausen zu nutzen, um sich im Raum neu zu verorten, die Sitzposition zu verändern oder den Raum bewusst wahrzunehmen, bevor inhaltlich anspruchsvolle Phasen beginnen.
„Das Buch bietet einen vielfältigen und dabei sehr differenzierten Überblick über die große Landschaft des Coachings. Besonders wertvoll dabei finde ich, wie überzeugend dargelegt wird, dass alle Methoden, Techniken und ‚tools‘ ihren Wert erst gewinnen durch eine ethisch kongruente Haltung mit tiefem Respekt vor der Einzigartigkeit und Unterschiedlichkeit von Menschen. Mit seiner Offenheit ansteckenden Neugier auch über den ‚Tellerrand des Coachings‘ hinaus und auf die sich in Coachings begegnenden multiplen Perspektiven bietet es einen reichhaltigen Schatz sehr anregender Lernchancen.“
Dr. med. Dipl. rer. pol. Gunther Schmidt
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Zusammenfassende Kernaussagen zum Verraumen
Verraumen verdichtet sich in folgenden zentralen Aussagen:
- Menschliches Erleben ist immer räumlich.
- Räume wirken auf Körper, Psyche und geistige Zustände zurück.
- Bewusstes Verraumen erhöht Sicherheit, Präsenz und Wachheit.
- Wer sich nicht verraumt, bleibt leicht fremd im eigenen Raum.
- Verraumen verbindet Körper, Raum und Bedeutung.
- Diese Praxis ist im virtuellen Raum besonders bedeutsam.
Verraumen wird damit als schlichte, aber kraftvolle Praxis beschrieben, die ohne technische Hilfsmittel auskommt und dennoch eine zentrale Rolle für professionelles Arbeiten im Coaching und Lehren einnimmt.
Literaturhinweise
Bear, U. & G. Frick-Bear (2008): Leibbewegungen, Herzkreise und der Tanz der Würde: Methoden und Modelle der Tanz- und Bewegungstherapie. Neukirchen-Vluyn: Affenkönig-Verlag, S. 256-330.
Rubbel, L. F. (2024). Coaching und Embodiment: Körper und Geist in Verbindung. In: M. Zimmermann (Hrsg.): Coaching – zum Wachstum inspirieren. Ein interdisziplinäres, integratives Handbuch. Heidelberg (Carl-Auer), S. 351-361.
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