Strohkugel von Norina Unversucht

Die Undefiniertheit der Resilienz

Eine Rückschau auf unseren Vortragsabend “Resilienz leben – Impulse für Führung mit Haltung”
am 04. Februar ´26 beim Carl-Auer Verlag in Heidelberg

Manchmal beginnt ein Diskurs nicht mit einer Definition, sondern mit einem Gegenstand. An jenem Abend unserer Reihe „Resilienz leben – Impulse für Führung mit Haltung“ waren es persönliche Symbole, die den Raum öffneten – leise, konkret, überraschend wirksam.

Zwischen theoretischen Impulsen und dialogischem Austausch entstand ein Resonanzfeld, in dem nicht nur über Resilienz gesprochen, sondern sie erfahrbar wurde. Mitten in dieser Atmosphäre lag eine Strohkugel. Unscheinbar zunächst, beinahe dekorativ. Und doch bündelte sie Aufmerksamkeit. Als Denkbewegung in Materialform.

In der Dynamik des Fishbowl-Dialogs mit Norina Unversucht, Matthias Ohler, den Teilnehmer:inen und mir gewann sie Kontur als Bild für ein Verständnis von Resilienz, das sich nicht mit Widerstandskraft begnügt. Denn was, wenn Resilienz weniger mit Abwehr als mit Durchlässigkeit zu tun hat? Weniger mit Schutzschild als mit Gestaltungsfähigkeit?

Vortragsreihe 2026 "Resilienz leben - Impulse für Führung mit Haltung"
Vortragsreihe 2026 "Resilienz leben - Impulse für Führung mit Haltung"

Norina Unversuchts Beitrag entfaltet genau hier seine Kraft: Er verbindet persönliche Erfahrung mit systemischer Reflexion und erweitert den Diskurs um eine Perspektive, die Ambivalenz nicht auflöst, sondern produktiv macht. So verortet sich ihr Text innerhalb der Reihe als Einladung zum Weiterdenken als poetisch-kluge Intervention in eine Debatte, die bewusst offen bleibt. Vielleicht beginnt Resilienz dort, wo wir den Mut haben, unser eigenes Bild in den Raum zu stellen und es im Dialog verwandeln zu lassen.

Norina Unversucht

Mit einer Strohkugel Resilienzinteressierte begeistern – kein Erlebnis, mit dem ich noch am Tag davor gerechnet hätte. Wobei der Auftakt der Reihe „Resilienz leben – Impulse für Führung mit Haltung“ schon im Titel den Anspruch auf Begeisterung stellte.

Diesem Anspruch kamen zunächst Matthias Ohler und Moni Zimmermann nach, indem sie die Zugänge ihrer jeweiligen Profession zur Resilienz darstellten. Anschließend sollten wir Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst über unseren persönlichen Zugang zu Resilienz reflektieren, hatten dafür aber die Chance der Vorarbeit bekommen: Moni hatte uns noch vor der Veranstaltung gebeten, zwei Gegenstände mitzubringen, die unser aktuelles und unser ideales zukünftiges Resilienz-Ich darstellen.

So kam ich zu der Strohkugel. Diese half mir im anschließenden Austausch nicht nur, meine ursprüngliche Perspektive zu Resilienz zu erklären, sondern wob auch neue Elemente aus dem gemeinsamen Austausch in ihre Metapher ein. Die Strohkugel tat das, was ich mir von meiner Resilienz wünsche: Sie zog neue Ideen an und wandelte sie in Begeisterung um. Als Dank dafür halte ich ihre Geschichte in den folgenden Zeilen fest:

Strohkugel von Norina Unversucht
Strohkugel von Norina Unversucht

Auf der Suche nach einem Gegenstand, der mein resilientes Ich darstellt, eilten mir meine Gedanken voraus. Und erschufen mal wieder eine halb-bildliche Darstellung etwas Nicht-Existenten, für das Bilder zu wenige gleichzeitige Dimensionen haben und Sätze erst recht. Erleichtert fand ich eine Kugel aus Strohhalmen. Diese ist zumindest vollkommene Form und Gewirr gleichzeitig und vor Allem gewissermaßen semipermeabel. In der systemischen Philosophie können Systeme als semipermeabel, also halbdurchlässig, betrachtet werden, weil sie gleichzeitig in sich geschlossen sind und in Interaktion mit der Außenwelt stehen.

So auch mein Selbst als Strohkugel: Wenn von irgendwoher neue Strohhalme oder Wahrnehmungen zur Strohsphäre vordringen, können diese in das Innere hinein piksen. Das erlebe ich manchmal, wenn etwas in der Außenwelt mich gegen meinen Willen beeinflusst – es ist unangenehm. Dann könnte ich mir wünschen, diese Strohhalme und Wahrnehmungen würden stattdessen einfach an mir abprallen. Dieser Vorgang wäre dann Resilienz gemäß ihrer Definition als Widerstandsfähigkeit gegen unerwünschte äußere Einflüsse.

Monika Zimmermann sieht Resilienz jedoch als undefiniert an in dem Sinne, dass nur das subjektive Verständnis jedes und jeder Einzelnen davon existiert. Mein subjektives Verständnis von Resilienz vereint diese in ihrer Undefiniertheit mit der Strohsphäre. Eine Kugel aus Stroh hat im Gegensatz zu den meisten anderen Kugeln keine durchgehende Oberfläche. Damit fehlt ihr eine definierte Form*.

Genau das macht sie zur perfekten Metapher für meine Vorstellung von Resilienz: Ich möchte nämlich nicht, dass Impulse aus der Außenwelt an mir abprallen, sondern dass sie sich mit den bestehenden Strohhalmen verweben. Dadurch wird die Oberfläche der Strohkugel immer größer und kann immer mehr Neues aufnehmen, das dann auch meinen schmerzempfindlichen Kern nicht mehr piksend erreicht.

Während der Kern meines Selbst stabil und sicher bleibt, werden die Strohhalme idealerweise nach außen hin immer dynamischer und gestalten den Umgang mit neuen Elementen – abstoßen oder einweben – zunehmend selbst.

Die ideale resiliente Strohkugel ist damit nicht nur semipermeabel, sondern auch semidynamisch und damit erst recht undefiniert.

* Dies gilt übrigens auch für die Länge der Küsten der Erde. Wer seine Strohkugel hierzu erweitern möchte, recherchiere zum Küstenlinienparadoxon.

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