Vortrag von Tom Küchler (Titelbild) in der Coaching-Ausbildung CA 6 Modul 4 am 09.11.2025 (gekürzte Zusammenfassung auf der Grundlage des Transkriptes der Veranstaltung mit Hilfe von KI von OpenAI 2026)
Der entscheidende Perspektivwechsel: Vom Problem zur Lösung
Im Zentrum der lösungsfokussierten Beratung steht ein radikaler Perspektivwechsel. Während klassische Beratungsansätze lange davon ausgingen, dass Probleme zunächst gründlich analysiert werden müssen, setzt die lösungsfokussierte Arbeit bewusst an einer anderen Stelle an: bei der Lösung selbst. Dieser Ansatz wurde vor allem durch die Arbeiten von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg geprägt und stellt die traditionelle Beratungslogik gewissermaßen auf den Kopf.
Tom beschreibt diesen Wechsel als einen grundlegenden „Dreh“ im Denken: Statt Probleme detailliert zu analysieren, richtet sich der Blick konsequent auf die gewünschte Zukunft. Die leitende Frage lautet nicht mehr: Warum ist das Problem entstanden? – sondern: Wie soll es aussehen, wenn es funktioniert?
Ein zentraler Gedanke dabei ist die Rolle der Sprache. Tom verweist darauf, dass die Art, wie Menschen über ihre Situation sprechen, ihre Wirklichkeit aktiv mitgestaltet. Ein oft zitierter Satz bringt diese Idee auf den Punkt:
„Gespräche über Probleme erzeugen Probleme, Gespräche über Lösungen erzeugen Lösungen.“
Die Grundannahme dahinter lautet: Probleme existieren in enger Verbindung zu den Vorstellungen von Lösungen. Tom formuliert dies pointiert: „Probleme [sind] nichts anderes … als verkleidete Ziele.“ Die Aufgabe des Coaches besteht daher darin, das im Problem verborgene Ziel sichtbar zu machen und das Gespräch konsequent dorthin zu lenken.
Tom Küchler über den “Dreh” des lösungsfokussierten Ansatzes
Die dialogischen Quadranten: Gespräche bewusst steuern
Ein zentrales Modell, das Tom zur Analyse von Gesprächsdynamiken nutzt, sind die sogenannten dialogischen Quadranten. Dieses Modell ordnet Aussagen entlang zweier Dimensionen: Zeit (Vergangenheit oder Zukunft) und Bewertung (positiv oder negativ).
Daraus ergeben sich vier typische Kommunikationsfelder.
- V– (Vergangenheit minus) – problematische oder belastende Erfahrungen der Vergangenheit
- Z– (Zukunft minus) – befürchtete negative Entwicklungen
- V+ (Vergangenheit plus) – frühere Erfolge und funktionierende Lösungen
- Z+ (Zukunft plus) – gewünschte Zukunft oder „kühnste Hoffnung“
Tom beschreibt das Modell anschaulich als eine „kleine Kreuzung“, an der sich Gespräche jederzeit in verschiedene Richtungen bewegen können.
In vielen Alltagsgesprächen – besonders in Organisationen – dominieren nach seiner Erfahrung die beiden problemorientierten Quadranten. Menschen sprechen ausführlich über belastende Ereignisse der Vergangenheit oder über mögliche negative Entwicklungen in der Zukunft.
Die Aufgabe lösungsfokussierter Beratung besteht deshalb darin, das Gespräch bewusst in die anderen Quadranten zu verschieben.
„Lösungsfokussiertes Arbeiten bedeutet auch, Gespräche aktiv in die konstruktiven Quadranten zu lenken.“
Damit entsteht eine andere Gesprächsdynamik: Statt Problemgeschichten zu verlängern, werden Ressourcen aus der Vergangenheit oder Möglichkeiten der Zukunft aktiviert.
Tom und die dialogischen Quadranten
Der Umgang mit Hypothesen: radikales Nicht-Wissen
Ein weiterer zentraler Unterschied zur klassischen Beratung liegt im Umgang mit Hypothesen. In vielen psychologischen oder systemischen Ansätzen versuchen Beraterinnen und Berater, aus den geschilderten Problemen Hypothesen über Ursachen oder Zusammenhänge zu entwickeln.
Der lösungsfokussierte Ansatz verzichtet bewusst darauf. Tom zitiert in diesem Zusammenhang eine bekannte Empfehlung von Steve de Shazer:
„Wenn ihr Hypothesen habt, … dann nehmt schnell Aspirin, setzt euch in die Ecke und wartet, bis dieser Anfall vorbei ist.“
Diese ironische Formulierung verdeutlicht den Kern der Haltung: Hypothesen führen leicht dazu, dass der Coach zum Experten für das Problem wird. Genau das soll jedoch vermieden werden.
Wenn Coaches viele problemorientierte Fragen stellen, senden sie ungewollt eine Botschaft: Sie scheinen das Problem besser zu verstehen als der Klient. Daraus entsteht schnell die Erwartung, dass der Coach auch die Lösung liefern müsse. Der lösungsfokussierte Ansatz verfolgt das Gegenteil. Tom formuliert dies klar: „Der Kunde merkt mehr und mehr, dass nicht ich der Experte bin, sondern er selber.“ Der Coach übernimmt daher nicht die Rolle eines Problemdiagnostikers, sondern die eines Prozessbegleiters, der durch Fragen hilft, vorhandene Lösungen sichtbar zu machen.
Tom über Hypothesen und Problemgespräche
Problemgespräche würdigen – ohne darin stecken zu bleiben
Trotz dieser klaren Lösungsorientierung bedeutet lösungsfokussiertes Arbeiten nicht, Probleme einfach zu ignorieren. Tom betont, dass Menschen oft zunächst ausführlich über ihre Schwierigkeiten sprechen müssen. Entscheidend ist dabei die Haltung des Coaches. Ein wichtiger Schritt besteht darin, das Problem zunächst ernst zu nehmen und emotional zu würdigen. Tom greift hier eine Beobachtung von Gunther Schmidt auf:
„Menschen sprechen gerne … über ihr Problem, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Gegenüber das Problem noch nicht ausreichend gewürdigt hat.“
Erst wenn Klientinnen und Klienten spüren, dass ihre Situation verstanden wurde, entsteht Offenheit für neue Perspektiven. Dann lenkt der Coach das Gespräch behutsam nach vorne, etwa mit Fragen wie:
- Wohin soll die Reise gehen?
- Was hätten Sie lieber statt der jetzigen Situation?
- Wie sähe es aus, wenn es gut laufen würde?
So entsteht eine Bewegung vom Problembericht hin zu einer Beschreibung der gewünschten Zu-kunft.
Sprache als Werkzeug der Veränderung
Ein zentrales Fundament des lösungsfokussierten Ansatzes ist ein konstruktivistisches Verständnis von Wirklichkeit. Die Wirklichkeit wird nicht einfach beschrieben, sondern durch Sprache aktiv gestaltet. Tom fasst diese Idee so zusammen:
„Die Sprache der Lösung muss eine andere sein als die Sprache des Problems.“
Das bedeutet: Wenn Klientinnen und Klienten beginnen, anders über ihre Situation zu sprechen, verändert sich auch ihr Erleben dieser Situation.
Ein Problem kann dann zum Beispiel als „noch nicht erreichtes Ziel“ formuliert werden. Diese Verschiebung verändert den Fokus, weg von Defiziten, hin zu Möglichkeiten.
Die Haltung des Coaches: systemische Demut
Die lösungsfokussierte Beratung ist weniger eine Sammlung von Techniken als eine bestimmte Haltung. Tom beschreibt diese Haltung als eine Form der professionellen Bescheidenheit. Der Coach verzichtet bewusst darauf, eigene Meinungen, Interpretationen oder Ratschläge in den Vordergrund zu stellen. Stattdessen bleibt er neugierig und offen. Diese Haltung bezeichnet Tom als „systemische Demut“, die Bereitschaft, nicht zu wissen und sich auf die Perspektive des Gegenübers einzulassen. Die Verantwortung für die Lösung bleibt damit konsequent beim Klienten. Der Coach stellt lediglich den Rahmen bereit, in dem diese Lösung sichtbar werden kann.
Tom über die Kernessenz der lösungsorientierten Theorie
Fazit: Die Leitidee der lösungsfokussierten Beratung
Der Vortrag von Tom macht deutlich, dass lösungsfokussierte Beratung weniger eine Methode als eine grundlegende Veränderung der Perspektive darstellt. Im Kern lassen sich mehrere Leitlinien erkennen:
- Der Fokus liegt konsequent auf Lösungen statt auf Problemursachen.
- Gespräche werden bewusst in konstruktive Kommunikationsräume gelenkt.
- Coaches verzichten auf Hypothesen und Expertenrollen.
- Probleme werden gewürdigt, aber nicht zum zentralen Gegenstand des Gesprächs ge-macht.
- Sprache wird gezielt genutzt, um neue Wirklichkeiten zu eröffnen.
- Klientinnen und Klienten bleiben die Expertinnen und Experten für ihre eigenen Lösungen.
Der entscheidende „Dreh“ besteht darin, das Problem nicht weiter auszuleuchten, sondern die Auf-merksamkeit auf das zu richten, was stattdessen entstehen soll. So wird Coaching zu einem Raum, in dem Menschen beginnen, ihre gewünschte Zukunft bereits im Gespräch zu entwerfen und dadurch neue Handlungsmöglichkeiten entdecken.
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