Die Sehnsucht nach tiefgründiger Kommunikation

Oder: Wie Erkenntnisse im Diskurs durch Resonanz entstehen können

Resonanzbeziehungen ermöglichen Veränderungen
Resonanzbeziehungen ermöglichen Veränderungen

Pro-aktives Zuhören kann als eine Grundvoraussetzung für kommunikative Kompetenz verstanden werden. Zuhören ist nicht gleich Zuhören; es kann u.a. auf folgende 4 Arten geschehen, die uns allen bekannt sind:

  1. Selbstvergewisserung: Hören als Selbstbestätigung: Ich höre nur das, was ich weiß; dieses Hören ist gekennzeichnet durch eine reduzierte Aufnahmefähigkeit.
  2. Differenz-Fokus: Hören als Wahrnehmung einer Differenz: Ich höre nur das, was ich als Widerspruch zu meiner eigenen Meinung wahrnehme; der Fokus liegt auf widerspruchsfähigen Sätzen.
  3. Hineinversetzen, Empathie: Hören als Hineinspüren: Ich benutze die Wahrnehmung meiner eigenen Gefühle und höre mit dem Herz des Anderen und denke mit den Gedanken des Anderen.
  4. Verbinden, in Resonanz gehen: Hören als gemeinsames Entwickeln: Ich höre schöpferisch zu, nehme daher neue Optionen für mein Gegenüber wahr und verbinde diese mit einer neuen Möglichkeit.

Bei der 4. Art des Zuhörens entsteht etwas für den/die Gehörte(n) Neues, Hilfreiches – systemisch gesprochen: Emergenz. Diese Resonanz kann im Coaching verstanden werden als hilfreiche Intervention. Menschen, die einer Einwirkung ausgesetzt sind, die sie in Resonanz versetzt, verändern sich. Resonanz als Königsweg hilfreicher Kommunikation wird hier klar beschrieben: https://www.koenigsweg.de/resonanz-prinzip-in-der-fuehrung/

Das Gespräch über das neu Gelernte, die eigenen Erfahrungen und Eindrücke sowie Aha-Erlebnisse aus der Selbstreflexion sind fester Bestandteil unserer Coaching-Ausbildung. Ob zu zweit oder mit der gesamten Gruppe, dieses gemeinsame Reflektieren, Nachfragen, Ergänzen und Impulse geben, spielt eine essenzielle Rolle im Professionalisierungsprozess der angehenden Coaches. Oft werden im Diskurs tiefliegende Muster und Sehnsüchte erkannt und neue, weitreichende Erkenntnisse hervorgeholt, die den Teilnehmenden nicht nur dabei helfen, ihre Haltung als Coach zu finden und zu festigen.

Genau einen solchen Aha-Moment erlebte eine Teilnehmerin während einer gemeinsamen Reflexionsphase in Modul 4 der Ausbildung. Im Gespräch mit den anderen wurde ihr ihre Sehnsucht nach Gesprächspartnern auf einer Wellenlänge und nach wahrer Kommunikation, bei der sie gehört, angenommen und verstanden wird, bewusst. Die Ausbildungsleitung und die anderen Teilnehmenden spiegelten ihr, wie wichtig diese Wahrnehmung ist und dass sie dies als gesellschaftliches Phänomen selbst auch wahrgenommen haben.

Es folgt ein Ausschnitt aus diesem transkribierten Gespräch. Hier wurden die Teilnehmenden dazu eingeladen, ihre Erkenntnisse aus dem Ausbildungswochenende mit der Gruppe zu teilen. (Hinweis: Die Namen der Gesprächsteilnehmenden sind anonymisiert, mit Ausnahme jener der Ausbildungsleitung.)

Sabine: Mein zweites Thema ist auch sehr konkret. Veränderungsvakuum habe ich das genannt. Das ist dieser Moment im Coaching-Prozess, der mir ein bisschen Angst macht. Wenn ich mir vorstelle, ich bin mit einem Klienten wirklich so weit gekommen, dass er für sich einen Schritt weiter ist und sagt „Das ist es, was mich in meine jetzige Lage bringt, aber was ich vielleicht nicht behalten möchte.“ Also dieses Loslassen, das Trennen, das Verlieren von etwas, was die ganze Zeit Komfortzone war. Was man halt so gemacht hat. Man hat erkannt, dass die Couch durchgesessen ist, man braucht eine neue. Dann geht man erstmal ins Möbelhaus, kauft sich eine neue und die hat dann erst mal Wochen oder Monate Lieferzeit. Wie unterstütze ich einen Klienten während dieses Vakuums zwischen dem Alten und dem, wie es weitergeht. Und auch weg vom Klienten, was ist, wenn ich es bei mir merke? Was mache ich in dem Moment, wo ich zwar erkannt habe „das war Schrott“, aber noch nicht weiß, wie mache ich weiter?

Monika: Ich glaube, mindestens drei der Schulen sind sich darin einig, dass das Wichtigste, was in dieser Situation passieren muss, ist, Ordnung und Sicherheit zu schaffen. Wenn es bei dir ist, suche einen sicheren Hafen, umgib dich mit Menschen, denen du vertraust. Wähle Menschen aus, bei denen du dir Halt und Input versprichst. Erschaffe dir Sicherheit. Das kannst du ja schon, weil du ein sehr selbstreflektierter Mensch bist. Erschaffe Sicherheit und einen Hafen, wo du dich zurückziehen kannst, wo du dich wohlfühlst. Zu Hause auf dem Sofa, in der Ecke. Bei mir wäre es meine Kuschelheizdecke. Such dir körperlich Sicherheit und Ordnung und auch interaktionell-menschliche. Alles, was dir in dem Moment, wo das Vakuum entsteht, ein Wohlgefühl und ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit gibt. Alles, was da bei dir hilft.
Wenn du der Coach bist und du merkst, „Oh, bei meinem Klienten geht’s jetzt los. Der hat die ‘Gestalt’ [vgl. Gestalttherapie] gefunden. Jetzt lässt er sie los.“ Dann weißt du, in dem Moment als Coach, dass er dich gerade jetzt braucht. Und zwar nicht als Ratgeber oder als Impulsgeber, sondern als sicheren Hafen. Gib Geborgenheit und Sicherheit. Denn nichts stresst unsere Psyche so sehr wie der Wandel. Wir haben Horror und Angst davor, uns zu verändern. Deswegen auch unsere Liebe zu Ordnung und Struktur. Also eine ganz klare Antwort aus mindestens drei der Schulen: Sicherheit. Dazu gehört auch in dieser Zeit die Menschen zu meiden, die dich stressen. Eigentlich sogar generell im Leben würde ich dir den Rat geben, aber in der Phase ist es ganz wichtig.

Sabine: Das ist ein bisschen der Punkt, mit welchen Menschen umgibst du dich und mit welchen Menschen kannst du dich austauschen? Da muss ich ganz ehrlich sagen, ich habe keine Handvoll. Ich habe keine drei, mit denen ich das in jedem Fall durchgehen wollen würde. Die Frage ist, mit wem spreche ich? Denn das ist ja auch eine Sache, die nicht in fünf Minuten erklärt ist. Da machst du dich nackig. Das nackig-Machen finde ich nicht schlimm, aber ich könnte jetzt spontan nicht sagen, abgesehen von zwei Menschen, mit wem ich mich da nackig hinsetzen wollen würde.

Monika: Das ist eine richtig kraftvolle Erkenntnis, finde ich. Das ist eine waschechte Erkenntnis, die dich weiterbringen kann, wenn du das möchtest.

Sabine: Ich sage das jetzt auch nicht mit Wehmut. Also da habe ich jetzt kein Gefühl der Leere. So empfinde ich das nicht. Aber ein bisschen neidisch im positiven Sinne bin ich da schon drauf, wenn ich höre, wie ihr euch unterhalten konntet, wie das befriedigt wurde, das ich das, was ich die ganze Zeit in meinem Kopf hatte, vielleicht teilen hätte können.

Monika: Darf ich mir erlauben, dir ein anderes Wort anzubieten als Neid. Sehnsucht.

Sabine: Ja, Sehnsucht. Zu sehen auch, dass es das gibt, weil für mich ist das was Neues.

Monika: Das ist so, das ist eine Wahrnehmung, die es ernst zu nehmen gilt. Die ist weder schlimm, weder dramatisch, sagst du selbst. Sie ist auch nicht etwas, das wir beschwichtigen müssen oder sagen „Du hast doch genug.“ Sondern das ist eine Wahrnehmung, die ist einfach. Ich habe den Eindruck, dass da gerade etwas bei dir passiert. Den Eindruck teilen vielleicht manche und ich finde das sehr wichtig. Du empfindest das für dich so. Es könnte ein bisschen mehr sein, gerade im Moment hätte ich gerne mehr Diskurs auf einem Niveau, das meinem entspricht. Insofern würde ich jetzt, wäre ich dein Coach, dir sagen, „Was eine geile Erkenntnis! Lass die mal weiterwirken und vielleicht wirst du in ein paar Wochen eine Entscheidung treffen, ob du dir noch jemanden ranschaffst oder was veränderst.“ Aber an und für sich würde es mir nie einfallen zu sagen, „es reicht doch“ oder „ist ja wirklich zu wenig“. Sondern ich sage, „Wow, toll, dass du überhaupt eine solche Wahrnehmung hast. Und was für eine.“

Peter: Ich nehme das bei sehr vielen so wahr. Also zumindest bei meinen Klienten. Es ist wirklich so, dass die wenigsten richtig viele Gesprächspartner haben und auch ein absolutes Gesprächsbedürfnis haben. Meistens wenn ich bei denen bin, reden wir erst mal zwei Stunden lang über irgendetwas, egal was, bevor ich überhaupt zum Punkt komme.

Sabine: Du bist der bezahlte Gesprächspartner.

Peter: Ich bin der bezahlte Gesprächspartner. Es gibt eben wirklich dieses Gesprächsbedürfnis. Ich sehe es ja auch an mir. Meine Kumpels, die sind irgendwo auf der Welt verstreut. Ich habe gar keine Zeit, mit denen zu telefonieren oder die haben auch keine Zeit für mich. Das heißt, wenn ich mal das Bedürfnis hätte, bekäme ich die gar nicht an die Strippe, weil ich müsste sie drei Wochen vorher anrufen und sagen, „Könnten wir mal einen Termin im März ausmachen, da hätte ich mal Gesprächsbedarf.“ So funktioniert das ja nicht. Die Anzahl der Menschen, mit denen auch ich reden kann, beschränkt sich auf die Zahl eins bis eineinhalb, wenn man realistisch ist. Deswegen mache ich halt sehr viel mit mir selbst aus, durch Reflexion, durch Neugierde, Forschen, Lesen

Michael: Ich empfinde das als gesellschaftliches Thema mittlerweile. Diese Sehnsucht nach Kommunikation ist, trotz der ganzen Medien, telefonieren, SMS schreiben und so, ganz massiv und viele Leute finden nicht mehr die richtigen Leute. Also dass man sagt, man hat welche, mit denen man mal so Blabla machen kann, aber man hat wenige, mit denen man tiefgründig geht. Der Wunsch nach Beziehungen, nach Kontakten, der wird immer größer und das zieht sich durch die ganze Gesellschaft, habe ich das Gefühl.

Monika: Nehme ich auch so wahr. Ich habe den Eindruck, dass Reden nicht gleich Reden ist und mit jemand sprechen, nicht mit jemand sprechen ist, dass hinter dem Wunsch, wirklich einen Gesprächspartner zu haben, ein Bindungswunsch steckt. Manchmal können Worte Schläge sein, aber manchmal sind Worte auch wie Berührungen. Ich pflege meinen Klienten dann in so einem Fall auch, gerade wenn sie ihre Emotionen wenig wahrnehmen können, zu erklären, dass Worte guttun sowie wehtun können und dass wir mit Worten und Gesprächen berühren können. WhatsApp oder diese ganzen Medien, die wir ja alle bis zum Erbrechen nutzen, transportieren selten so ein Gefühl. Reden ist nicht gleich reden. Ich verstehe mich als Coach so, dass ich das lebe und dass dann mein Klient sich gebunden fühlt. Verbinden [Dieses Wort war eine der Erkenntnisse einer Teilnehmerin.] finde ich auch ein passendes Wort. Ich verbinde mich mit meinem Klienten oder mit dem Menschen, mit dem ich rede. Das erzeugt mehr als nur das Hören der nackten Worte. So ist Reden manchmal wie Streicheln.

Peter: Mir kommt das Zitat von Professor Kriz in den Kopf, als er am Freitag online zugeschaltet wurde, und er meinte, „Ich höre sie, aber ich weiß nicht, ob ich sie verstanden habe.“ Ich glaube, das ist auch der Unterschied: In den meisten Gesprächen ist es eher eine mechanistische Funktion, also Informationsaustausch. In den seltensten Fällen geht es um wahres Verständnis. Bei den meisten siehst du schon in den Augen, dass sie eigentlich nur drauf scharren, dass sie endlich erzählen können, wenn du fertig bist. Das hat für mich nichts mit Verbundenheit zu tun, sondern dass man merkt, dass der andere wirklich ein Interesse daran hat, mir zuzuhören. Dadurch entsteht ja erst die Verbundenheit durch dieses echte Interesse in dieser Situation sich zu verbinden. Und wie viele haben das tatsächlich? Deswegen gehe ich auch gar nicht mehr so viel auf Events wie früher. Weil ich festgestellt habe, ich gehe da hin, ich sehe zwar viele Menschen mechanistisch und es gibt viele mechanistische Gespräche, aber die echte Verbundenheit spüre ich da nicht ein einziges Mal. Grundsätzlich geht es eben um dieses Geben und Nehmen und ich glaube, die meisten sind sehr auf sich bedacht. Von daher nehme auch ich diese elementare Sehnsucht nach Verbundenheit wahr.

Monika: Ganz am Anfang habe ich ja die Folien gezeigt zum Zuhören. Da habe ich den Begriff Resonanz eingeführt. Genau das ist Resonanz. Wir als Coaches sind auch dazu da, diese zu erzeugen.

PowerPoint-Folie zum Thema Resonanz im Coaching

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