Der Raum als Wirkfaktor im Coaching

Über die spannende Frage, welche Rolle der Raum als Wirkfaktor im Coaching-Prozess spielt, schreibt im folgenden Beitrag Anne Lambert. Zum Thema passend, bietet Sie in den Mannheimer Quadraten möblierte Räume für Coaching, Therapie, Beratung und Ähnliches an. Mehr Infos dazu finden Sie in unserer Synergie-Börse oder auf https://www.freiraumquadrat.de/.

Wir danken Frau Lambert für ihren inspirierenden Beitrag für unsere Kolumne:

Ein Coaching-Raum im Freiraum2

„Meine Idee: Sie schreiben einen Kolumnenbeitrag über die Bedeutung und Wirkung des ‘Raumes’ für gelingende Coachingprozesse.“

Ich und ein Aufsatz über Raum als Wirkfaktor im Coaching? Dieser Vorschlag von Frau Zimmermann kam überraschend. Ich hatte sie angeschrieben, um sie über mein neues Raumangebot „Freiraumquadrat“ zu informieren, welches für die Teilnehmer ihrer Coaching-Ausbildung interessant sein könnte. Nun war sie da, diese Idee – und weckte meine Neugierde. Eine kurze Recherche zu „Wirkfaktor Raum“ ergab: quasi nichts. Prima – also ein interessantes Thema.

Ich fragte mich: Was ist das eigentlich genau, ein „Wirkfaktor“? Schließlich bin ich keine Wissenschaftlerin, sondern habe meinen Abschluss in Innenarchitektur gemacht. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es eine erfolgsrelevante Variable, die Anteil am Erfolg eines Coachings hat. Der Wirkfaktor ist also ein Erfolgsfaktor. Ich las: „Die Untersuchung von Wirkfaktoren im Coaching ist ein interessantes Unterfangen. Als ‘Ingredienzien erfolgreicher Veränderung’ spielen sie eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, Menschen in Coachingprozessen in Kontakt mit ihren Potenzialen zu bringen und sie in ihren Lern- und Entwicklungswegen zu fördern.“ Soweit Marc Lindart im Prolog seines Buches „Was Coaching wirksam macht“. Verschiedene Studien zusammen betrachtet, wurden insgesamt 16 Wirkfaktoren auf vier Ebenen herausgearbeitet: den Ebenen der Arbeitsbeziehung, der Strategien & Techniken, der Kommunikation und der Organisation. Aber „Raum“ wird in dieser Übersicht nirgends aufgeführt.

Das mag symptomatisch sein. Der Raum bräuchte in unserer heutigen Gesellschaft selbst oftmals einen Coach. Er steht vor dem Problem, dass er sich angesichts der ökonomieorientierten Architektur irgendwie verloren hat und sein Potenzial als „Seelenheiler“ allzu häufig überhaupt nicht mehr ausschöpfen kann. Dabei ist dieses Potenzial eigentlich enorm groß, vielfältig und wirkmächtig.

Altbauwohnungen der Jahrhundertwende sind beliebt, weil sie uns Raum lassen: Ihre Grundrisse schreiben uns keine Nutzung vor, sondern bieten eine Vielzahl an Möglichkeiten, je nach Lebenssituation. Ihre großzügigen Räume mit hohen Decken, großen Fenstern bzw. viel Licht und oftmals Raumfluchten durch mehrere Zimmer korrespondieren mit innerpsychischer Weite. Gestaltungselemente wie Stuck an den Decken, Kassettentüren oder Sprossenfenster geben (dem Raum) Halt. Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Gartensiedlungen wiederum sind beliebt, weil sie ein Gefühl von Geborgenheit und Gemütlichkeit vermitteln. Der Innenraum ist zwar in seiner Größe beschränkt, weitet sich aber nach außen. Hier vermitteln uns die großzügigen Frei- und Grünflächen in Verbindung mit niedrigen Gebäudehöhen das Gefühl von Weite und Raum. Gleichzeitig wird durch die geschlossene Randbebauung ein innerer Schutzraum gebildet. Die Fassaden bilden ein harmonisches Gesamtbild und vermitteln in ihrer ausgewogenen Gestaltung ein Gefühl von Geerdet-Sein. Im Kleinen ist die Welt hier in Ordnung und geordnet.

Alvar Aalto, ein berühmter Architekt und Wegbereiter der Moderne, äußerte mal: „Die große Gefahr der modernen Architektur ist der Bazillus der Monotonie.“ Er stellte fest: „Es gibt nur zwei Dinge in der Architektur: Menschlichkeit oder keine.“ Der Mensch ist das Maß bzw. sollte es sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Gefühl für Raum und seine menschliche Gestaltung aber überwiegend verloren. Meist musste es einfach schnell und günstig sein. Verlangsamt hat sich das Tempo seitdem nicht. Raum wird häufig nicht mehr in seiner Gesamtheit gestaltet. Einfallslos-monotone, eckige weiße Neubaukisten werden heute hartnäckig mit dem Attribut „Bauhaus-Stil“ beworben. Gemeint ist nicht etwa der Baumarkt, sondern die 1919 in Weimar gegründete Kunstschule. Erstere Verknüpfung wäre die passendere. Die Architekten der Kunstschule Bauhaus wussten durchaus noch, wie man Raum bis ins kleinste Detail durchkomponiert – auch inklusive intensiver Farbigkeit.

Nach diesem kleinen Architekturexkurs zurück zum Kernthema: dem Wirkfaktor. Kennen Sie das, wenn Sie zum Arzt gehen und sich dort gleich nochmal kränker fühlen? Wenn Sie beim Warten unruhig werden? Der Raum wirkt auf Sie, bietet Ihnen nicht die Sicherheit und Geborgenheit, die Sie in dieser Situation bräuchten. Je unsicherer wir sind, desto verletzlicher werden wir, desto mehr reagieren wir auf Raumwirkungen. Raum hat direkten Zugang zu unserem Gefühlszentrum. Wir nehmen ihn mit allen Sinnen wahr. Räume beeinflussen unser Verhalten, unsere Gesundheit, unsere Beziehungen. Räume können zu uns auf Distanz gehen, sie können uns bedrängen, sie können uns Angst machen oder aber sie können uns umschließen, wie eine herzliche Umarmung. Die Räume, die uns umgeben, wirken sich also unmittelbar auf unser Wohlbefinden aus. Diesen Zugang sollte man auch in Coachingprozessen auf der Ebene der Arbeitsbeziehung nutzen.

Der Gesprächsraum beim Coaching ist ein professioneller Empathie-Raum. Er ist ein Schutzraum. Hier öffnet man sich einem (zumindest zunächst) fremden Gegenüber, macht sich verletzlich, setzt sich mit seinen eigenen Barrieren auseinander. Ein Raum, der selbst in Balance ist, harmonisiert und bildet einen stabilen Rahmen für Wachstumsprozesse. Der äußere Raum ist für den Coachingprozess also von besonderer Bedeutung.

Man kann nicht vorhersagen, wie ein Raum auf einen bestimmten Menschen wirkt, welche Stimmung er hervorruft. Was der eine als einengend empfindet, kann der andere mit der sicheren Geborgenheit eines Nests verbinden. Aber doch gibt es bestimmte Raumeigenschaften, welche von der Mehrheit als für das Wohlgefühl unterstützend erlebt werden und auch solche, welche das Gegenteil bewirken. Es gilt, die richtige Balance zwischen Weite (Distanz), Nähe (Geborgenheit), Ruhe (Sicherheit) und Aktivierung zu finden. Der Raum soll nicht einengen, soll aber auch nicht derart weit sein, dass er keinen Halt mehr bietet. Elementare Gestaltungsmittel hierbei sind Farbe und Licht. Sie geben dem Raum Kontur, schaffen Atmosphäre. Doch wir nehmen Farbe und Licht nicht nur rein visuell wahr. Unser Körper nimmt sie über lichtempfindliche Hautsensoren direkt auf. So beeinflussen Farbe und Licht, ohne dass wir es willentlich steuern, sogar unmittelbar alle vegetativen Körperfunktionen wie Atmung, Herzfrequenz, Blutdruck, Stoffwechsel oder den Spannungszustand der Muskeln. Eng vernetzt mit dem Nervensystem ist das Hormonsystem – und Hormone haben wiederum einen starken Einfluss auf die Psyche. Durch dieses Zusammenspiel beeinflussen Farbe und Licht unsere Stimmung, verändern Gefühle, wirken sich auf unsere Leistungsfähigkeit aus. Richtig eingesetzt können sie wesentlich zur Steigerung des Wohlbefindens beitragen und die Selbst- und Umweltwahrnehmung eines Menschen positiv beeinflussen.

Der erste Coachee, den Sie haben, sollte also Ihr Raum sein: Welches Potenzial steckt in ihm? Was passt zu ihm? Wie stelle ich eine Beziehung zu ihm her? Es geht darum, achtsam zuzuhören und die richtigen Fragen zu stellen. Raumgestaltung hat viel mit emotionaler Intelligenz bzw. Empathie, mit Respekt und Wertschätzung zu tun – was auf der Beziehungsebene auch entscheidende Wirkfaktoren im Coaching sind. Begegnen Sie dem Raum mit Wertschätzung, überträgt sich das unmittelbar auf denjenigen, der den Raum betritt. Bei meinen Räumen im Mannheim scheint das funktioniert zu haben. Bisher waren sich alle Besucher in einem Punkt einig: Man fühlt sich einfach wohl. Und was könnte eine bessere Basis für einen erfolgreichen Coachingprozess sein?

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