Grundbedürfnisse und WEK-Ruf

Drei Grundbedürfnisse als hilfreiche Brille für Motivation, Wohlbefinden und Glück

Einführung: Glücksforschung und Coaching

Was brauchen wir, um ein glückliches Leben zu führen? Die Frage nach dem Glück ist seit jeher eine wesentliche und somit viel diskutierte Frage. Für viele ist das Empfinden von Glück das zentrale Ziel im Leben. Darüber, welche Voraussetzungen gegeben, welche Bedürfnisse erfüllt sein müssen, um dieses Ziel zu erreichen beschäftigten sich schon antike Denker wie Platon und Aristoteles und begründeten damit die Philosophie des Glückes. Heutzutage ist Glücksforschung in verschiedenen Disziplinen angesiedelt, allen voran der Psychologie. Hier finden sich unterschiedliche Theorien, Modelle und Ansätze zum Thema, manche betonen positive Gefühle, andere ein sinnvolles Leben oder äußere Lebensbedingungen.

Wirklich spannend wird es aber bei den psychologischen Bedürfnistheorien: Sie fragen, was Menschen im Innersten brauchen, um sich gut zu fühlen (Frey u. Steiner 2012, S. 9–14).

Das wohl bekannteste Modell in dieser Hinsicht ist Maslows Bedürfnistheorie: Sie beschreibt eine hierarchische Ordnung menschlicher Grundbedürfnisse pyramidenförmig angeordnet, die Motivation und Entwicklung steuern. An der Basis stehen physiologische Bedürfnisse (z. B. Nahrung, Schlaf), gefolgt von Sicherheitsbedürfnissen. Erst wenn diese ausreichend befriedigt sind, gewinnen soziale Bedürfnisse (Zugehörigkeit, Liebe) sowie Achtung und Selbstwert an Bedeutung. An der Spitze steht die Selbstverwirklichung, also die Entfaltung des eigenen Potenzials (Methfessel 2020, S. 71–72).

Ein weiteres bekanntes Modell ist das Konsistenzmodell von Grawe. Es geht davon aus, dass wir vier zentrale psychische Grundbedürfnisse haben: Bindung (Nähe zu anderen), Kontrolle (Einfluss auf das eigene Leben), Selbstwert und positive Erfahrungen. Entscheidend ist nicht nur, dass diese Bedürfnisse erfüllt werden, sondern auch, dass sie zusammenpassen. Wenn wir zum Beispiel Anerkennung wollen, uns aber gleichzeitig aus Angst zurückziehen, entsteht innerer Stress (Ritter u. Stangier 2024, S. 32–33; Wüsten 2022, S. 35–37). Kurz gesagt: Wohlbefinden hängt nicht nur davon ab, was wir haben oder erleben – sondern vor allem davon, ob unsere grundlegenden psychischen Bedürfnisse erfüllt sind und wie gut wir gelernt haben, mit ihnen umzugehen (Frey u. Steiner 2012, S. 12–13).

Wie viele und vor allem welche Grundbedürfnisse wir Menschen haben, ob sie universell sind oder sich von Gesellschaft zu Gesellschaft oder gar Individuum zu Individuum unterscheiden wird stetig weiter diskutiert wird, sowohl in der Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit, wie etwa in diesem kürzlich erschienen Artikel in der Welt: Louis Polczynski (2026). Glück und Zufriedenheit? Ein anderer Faktor ist wichtiger für das Wohlbefinden.

Gerade für Coaches ist diese Perspektive besonders relevant. Denn im Coaching geht es selten nur darum, konkrete Probleme zu lösen – auch wenn Klient:innen meist mit solch einem Anliegen ins Coaching kommen – vielmehr geht es darum zu verstehen, was Menschen innerlich antreibt und blockiert. Die Auseinandersetzung mit Glücksforschung und insbesondere mit Grundbedürfnissen bietet hier eine hilfreiche Orientierung: Sie macht sichtbar, warum bestimmte Ziele motivieren, andere jedoch leer bleiben, und weshalb Veränderung oft scheitert, wenn zentrale Bedürfnisse unberücksichtigt bleiben. Für die Praxis bedeutet das: Wer als Coach nicht nur an der Oberfläche von Zielen und Lösungen arbeitet, sondern die zugrunde liegenden Bedürfnisse in den Blick nimmt, kann nachhaltigere Entwicklungsprozesse begleiten.

Gleichzeitig ist dieses Wissen nicht nur für die professionelle Praxis wertvoll, sondern auch für das eigene Leben. In Form von Selbstreflexion kann es helfen, die eigenen Motive besser zu verstehen, innere Spannungen einzuordnen und bewusstere Entscheidungen zu treffen. Wer erkennt, welche Bedürfnisse im eigenen Leben zu kurz kommen, gewinnt oft bereits erste Ansatzpunkte für Veränderung. Wie das konkret aussehen kann, zeigen die folgenden Überlegungen zu einer weiteren psychologischen Bedürfnis- bzw. Motivationstheorie.

Handlungsleitende Erkenntnisse aus der Motivationspsychologie

Die Selbstbestimmungstheorie (SDT) nach Deci und Ryan (1993) beschreibt drei psychologische Grundbedürfnisse, dargestellt in der obigen Grafik. Der Fokus liegt dabei auf ihrer Korrelation mit individueller Motivation: „Werden diese Bedürfnisse erfüllt, entsteht nicht nur intrinsische Motivation, sondern auch psychisches Wohlbefinden und nachhaltiges Engagement“ (Zimmermann 2026a, S.10).

  1. Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung (bzw. Autonomie) besagt, dass Menschen die Ziele und Vorgehensweisen ihres eigenen Handelns selbst bestimmen wollen. Dabei erleben sie innere Übereinstimmung zwischen der aktuell geforderten Aufgabenstellung und dem, was sie selbst für wichtig halten und gerne verwirklichen wollen (Zimmermann 2011, S. 82). Deci und Ryan betonen, dass die „Erfahrung, eigene Handlungen frei wählen zu können,“ Selbstbestimmung und somit auch die auf Selbstbestimmung beruhende Motivation fördern (Deci u. Ryan 1993, S. 236). Wird dieses Bedürfnis erfüllt, steigt also die intrinsische Motivation; bei Kontrolle, Druck oder Fremdbestimmung sinken Motivation und Wohlbefinden. Eine aktuelle Studie aus Finnland bestätigt diese Einschätzung von Autonomie als zentralen Glücksfaktor: Daten aus aller Welt zeigen, dass mehr Selbstbestimmung immer mit mehr Wohlbefinden korreliert, auch wenn es regionale Unterschiede gibt (Martela et al. 2026 ).
  2. Das Bedürfnis nach Kompetenzerleben zeigt sich in dem Wunsch, anstehenden Aufgaben und Problemen gewachsen zu sein und diese eigenständig bewältigen zu können (Zimmermann 2011, S. 82). Besonders befriedigend ist es, wenn eine Aktivität ein „optimales Anforderungsniveau“ für das Individuum hat, d.h. sie ist weder zu leicht noch zu schwer, sie ist herausfordernd aber nicht überfordernd (Deci u. Ryan 1993, S. 231). So kann das Individuum die eigene Handlungsfähigkeit erleben und stärken.
  3. Das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit bezeichnet das Bestreben nach befriedigenden Sozialkontakten, Gemeinschaftsgefühl und sozialer Geborgenheit (Zimmermann 2011, S. 82). Deci und Ryan (1993, S. 229) gehen davon aus, dass „der Mensch die angeborene motivationale Tendenz hat, mit anderen Personen in einem Milieu verbunden“ sein zu wollen Menschen Handeln für die Gemeinschaft und möchten im Gegenzug Sicherheit und Unterstützung erhalten.

Insgesamt gilt, dass die drei Bedürfnisse nicht isoliert wirken, sondern in enger Wechselwirkung stehen und sich gegenseitig verstärken. Erst ihr Zusammenspiel ermöglicht eine stabile, selbstbestimmte Motivation. Fehlt hingegen eines der Bedürfnisse, kann dies die positiven Effekte der anderen abschwächen: So kann etwa hohe Kompetenz ohne soziale Eingebundenheit zu Isolation führen, während soziale Einbindung ohne Autonomie als kontrollierend erlebt werden kann.

Grundbedürfnisse nach Deci & Ryan
Grundbedürfnisse nach Deci & Ryan (eigene Grafik)

Wesentlich dabei ist das soziale, professionelle und institutionelle Umfeld: Ein förderliches Milieu eröffnet dem Individuum Möglichkeiten, die drei Grundbedürfnisse zu erfüllen und unterstützt somit die Entstehung und Aufrechterhaltung von Motivation: „Werden [die drei Grundbedürfnisse] erfüllt, entsteht nachhaltige Motivation, die vom sozialen und institutionellen Kontext wesentlich beeinflusst wird. Aktuelle Forschung versteht Motivation als dynamisch, kontextsensitiv und eng mit Emotionen, Feedback und sozialen Prozessen verknüpft“ (Zimmermann 2026b, S. 14). Daher betont die Selbstbestimmungstheorie die Bedeutung von sozialen Kontexten – etwa in Schule, Familie oder Arbeitswelt –, die alle drei Bedürfnisse unterstützen, um optimale Entwicklung zu ermöglichen (Bonus 2009, S. 286–288).

Darüber hinaus beeinflusst die Bedürfnisbefriedigung nicht nur die Motivation, sondern auch zentrale Aspekte des Wohlbefindens wie Zufriedenheit, Vitalität und psychische Gesundheit. Wie Bonus hervorhebt, bilden die drei Bedürfnisse bzw. deren Befriedigung „die Basis für psychisches Wachstum, Integrität und Wohlbefinden“ (Bonus 2009, S. 285). Personen, deren Bedürfnisse erfüllt sind, zeigen mehr Engagement, bessere Leistungen und eine höhere emotionale Stabilität. Umgekehrt führt die Frustration dieser Bedürfnisse häufig zu Demotivation, Stress oder sogar langfristigen Beeinträchtigungen des Wohlbefindens.

Nimmt man eine systemische Perspektive ein, sind eben die gescheiterten Versuche, diese Grundbedürfnisse zu erfüllen das, was wir als Probleme verstehen. Laut systemischem Ansatz entstehen Probleme aus der beharrlichen Wiederholung einer Lösung, die ihre Passung verloren hat (Watzlawick, Weakland und Fisch 2020, S. 60–61). Sie sind also keine Eigenschaften von Personen, sondern Teil von Interaktionsprozessen. Ein Problem kann als eine stabile Ordnung im System gesehen werden, die sich selbst aufrechterhält. Veränderung erfordert Irritation dieser Ordnung, nicht ihre Optimierung (Kriz 2017, S. 235–236). Bleiben die Bedürfnisse unerfüllt, genügt es also nicht, bisherige Ansätze weiter zu verfolgen, sondern umzudenken, das bisherige System zu verstören.

Mehr zu diesem Ansatz der angemessenen Verstörung finden Sie in unserer Coaching-Kolumne “Personzentrierte System-Theorie“, einer Zusammenfassung des Vortrages von Prof. Dr. Jürgen Kriz am 17. Januar 2025 in der Coaching-Ausbildung am Zentrum für interdisziplinäres Coaching.

Einbeziehung des “WEK-Rufes”

Die Verbindung dieser Grundbedürfnisse mit den 3 therapeutischen Variablen des „WEK- Rufes“ (Wertschätzung, Empathie und Kongruenz) schafft Bedingungen, in denen sich Veränderung ereignen kann. Wertschätzung stärkt Autonomie, Empathie begünstigt Eingebundenheit, und Kongruenz fördert Kompetenz.

Grundbedürfnisse und WEK-Ruf
Grundbedürfnisse und WEK-Ruf (eigene Grafik)
Kompetenzerleben ↔ Kongruenz
  • Kongruenz meint Echtheit, innere Stimmigkeit und Selbstkontakt.
  • Rogers definiert Kongruenz auch als „Kongruenz zwischen dem Selbst und einem Ideal-Selbst“ (Rogers u. Schmid 1991, S. 133); durch Kompetenzerleben kann das Selbst sich diesem Ideal-Selbst annähern
  • Der/die Coach ist „gläsernes“ Vorbild in der Betrachtung und Lösung der Probleme des/der Klient:in, letztere:r erkennt seine/ihre Stärken und nutzt sie hilfreich zur Problembewältigung.
  • Als erfolgreich wahrgenommene Bewältigungsversuche des/der Klient:in können (dürfen) reproduziert werden.
Autonomie ↔ Wertschätzung
  • Wertschätzung bildet bei Rogers das unbedingte, von Respekt gegenüber einer etwaigen Andersartigkeit getragene Beziehungsangebot.
  • Der/die Klientin darf so sein, denken und handeln, wie er/sie es tut. Es gibt für den/die Klient:in gute Gründe hierfür.
  • Eine jedwede Lösung muss sich an den Bedürfnissen des/der Klient:in orientieren und dem inneren Streben nach Veränderung folgen.
  • Indem wir unserem Gegenüber „mit einer warmen, entgegenkommenden, nicht besitzergreifenden Wertschätzung ohne Einschränkungen und Urteile“ (Rogers 2004, S. 155) begegnen, bestätigen und fördern wir dessen Selbstbestimmung.
Soziale Eingebundenheit ↔ Empathie
  • Empathie bedeutet bei Rogers, die Welt des anderen präzise mitzuerleben.
  • Empathie ist eine Art Brücke, die aus der Wirklichkeit des Therapeuten in die Wirklichkeit des Klienten hineinführt, wodurch eine gemeinsame Wirklichkeit entstehen kann (Rogers u. Schmid 1991, S. 175).
  • Menschen fühlen sich „gesehen“, wenn ihr Erleben und daraus gewonnene Erfahrungen erkannt, gespiegelt und ernst genommen werden.
  • Nicht tue etwas, sondern sei jemand für eine andere Person.

WEK- Ruf
für die Beziehungsebene

Gemeinsamer Wirkfokus: Grundbedürfnisse und förderliche Entwicklungskultur in Lehr-/Lern-Prozessen, Coaching

W – Wertschätzung

unbedingte Wertschätzung für die subjektive Wirklichkeit der Person schafft Autonomie, vermeidet Reaktanz

W – Wertschätzung

Empathie stärkt Wirksamkeit bei der Entdeckung des Selbst (innerer Bezugsrahmen) in einem beziehungstragenden Resonanzraum

K – Kongruenz

Kongruenz ermöglicht Selbstkontakt, dynamisches Selbstkonzept zur Ressourcen orientierten, realistischen Lösungsfindung

Selbstbestimmung (Autonomie) unter Druck

In einem Artikel bei der Welt, in dem die neue Studie aus Finland kommentiert wird, kommt der Autor zu dem Schluss:

„[D]er Schmied des eigenen Glückes braucht mehr als einen Hammer: Er braucht eine Gesellschaft, die ihm Raum lässt eigene Entscheidungen zu treffen“
(Polczynski 2026, Online-Quelle ohne Seitenzahlen).

Gemeint ist damit, dass Autonomie erst dann eine wesentliche Auswirkung auf das subjektive Wohlbefinden hat, wenn materielle Bedürfnisse erfüllt sind und somit vor allem in wohlhabenden Gesellschaften zu Tragen kommt. Ein Blick auf unsere heutige Welt zeigt jedoch: Selbstbestimmung ist aktuell auch in wirtschaftlich starken Ländern ein knappes Gut. Menschen dort haben zwar mehr Freiheit, aber erleben paradoxerweise weniger Selbstbestimmung. Einerseits haben wir heute mehr Optionen und Möglichkeiten als je zuvor und somit die Möglichkeit unseren individuellen Weg zu gehen. Gleichzeitig erleben wir aber auch immer mehr Anpassungsdruck, immer mehr Vergleich zwischen uns und anderen (nicht zuletzt durch soziale Medien) und immer mehr Unsicherheit, wohin wir uns entwickeln dürfen und „sollen“. Das führt dazu, dass viele zwar wählen können, aber sich nicht wirklich als selbstbestimmt erleben.

Wir leiden heute nicht daran, dass wir zu wenig Möglichkeiten haben, sondern daran, dass wir uns in ihnen selbst nicht mehr eindeutig erleben.

Der Anspruch sollte also nicht sein: „Sei glücklicher!“ Stattdessen brauchen Menschen ein Gefühl von Sinn und innerer Stimmigkeit. Das ist Autonomie in Reinform. Denn genau das sagen Deci und Ryan: Motivation entsteht aus dem Streben nach Befriedigung grundlegender Bedürfnisse. Und Autonomie ist dabei der zentrale Regler für intrinsische Motivation.

Das eigentliche Problem unserer Zeit ist nicht zu wenig Glück, sondern zu wenig erlebte Selbstbestimmung. Glück ist zu einem Versprechen geworden. Zu einer Zielgröße. Zu etwas, das wir erreichen, optimieren, vielleicht sogar sichern wollen. Es gibt unzählige Ratgeber, Programme und Strategien, die genau darauf abzielen: glücklicher werden, zufriedener leben, sich besser fühlen.

Und doch zeigt sich in der Praxis, ein anderes Bild.

Glück allein trägt nicht. Es ist beweglich, wechselhaft, oft an Bedingungen geknüpft. Es kommt und geht, manchmal leise, manchmal intensiv, aber selten bleibt es stabil genug, um Orientierung zu geben oder gar in uns „sesshaft“ zu werden. Genau darauf verweist auch die finnische Studie (Martela et al. 2026): Entscheidend ist nicht das momentane Glücksempfinden, sondern ein tiefer liegender Faktor, ein Erleben von Sinn, Stimmigkeit und innerer Ausrichtung. Damit verschiebt sich die Perspektive.

Nicht nur: Wie fühle ich mich gerade?
Sondern auch: Wodurch fühle ich mich getragen, auch dann, wenn es nicht leicht ist?

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Die leise Struktur hinter echter Motivation

Die Selbstbestimmungstheorie liefert hierfür eine klare Antwort. Sie beschreibt drei grundlegende psychologische Bedürfnisse, die erfüllt sein müssen, damit Menschen sich lebendig, motiviert und innerlich stimmig erleben. Oder, in einer existenzielleren Sprache:

  1. Ich möchte meinen eigenen Weg gehen.
  2. Ich möchte erleben, dass ich etwas bewirken kann.
  3. Ich möchte mich verbunden fühlen.

Diese Bedürfnisse sind weder verhandelbar noch beliebig austauschbar. Sie sind grundlegende Voraussetzungen dafür, dass Motivation überhaupt entstehen kann. Und genau hier liegt die entscheidende Differenz zum Glück.

Glück reagiert – Bedürfnisse tragen

Glück ist oft eine Reaktion. Auf Erfolg. Auf angenehme Umstände. Auf erfüllte Erwartungen.
Doch die drei Grundbedürfnisse wirken anders. Sie sind nicht reaktiv, sondern strukturbildend:

  • Ein Mensch, der sich als selbstbestimmt erlebt, bleibt handlungsfähig, auch in Unsicherheit.
  • Ein Mensch, der sich als kompetent erlebt, bleibt dran, auch bei Schwierigkeiten.
  • Ein Mensch, der sich eingebunden fühlt, bleibt innerlich stabil, auch in Momenten von Zweifel oder Alleinsein.

Das bedeutet: Glück kann nicht hergestellt, nicht „gemacht“ werden, es entsteht durch das Erleben dieser drei Dimensionen.

Warum wir trotzdem so oft dem Glück hinterherlaufen

Vielleicht, weil Glück sichtbar, messbar scheint. Ein Lächeln. Ein Erfolg. Ein gutes Gefühl. Bei der Erfüllung der Grundbedürfnisse hingegen ist es subtiler. Sie zeigt sich nicht immer unmittelbar. Manchmal erst dann, wenn etwas anstrengend ist.

Ein schwieriges Gespräch führen und sich danach klarer fühlen. Einen eigenen Weg wählen, obwohl er unsicher ist. Sich zeigen, obwohl es Mut kostet. Das sind keine klassischen „Glücksmomente“. Und doch sind es genau diese Erfahrungen, die dann, wenn wir mit ihnen die drei Grundbedürfnisse als erfüllt erleben, dem persönlichen Glück Tür und Tor öffnen.

Die Verbindung von Glück und Sinn

Glück ohne Sinn bleibt flach. Sinn ohne Glück kann anstrengend sein. Doch wenn beides zusammenkommt, entsteht etwas Drittes: Erfüllung. Und genau hier treffen sich die Forschungsergebnisse mit der Selbstbestimmungstheorie. Denn Sinn entsteht nicht abstrakt, sondern konkret im Erleben:

  1. wenn ich etwas tue, das zu meinen Werten passt (Selbstbestimmung)
  2. wenn ich darin wirksam bin (Kompetenz)
  3. und wenn ich mich dabei verbunden fühle (Eingebundenheit)
Was bedeutet das für unser Leben?

Folgende Fragen können uns Orientierung bieten:

  • Wo in meinem Leben erlebe ich Selbstbestimmung? Und wo funktioniere ich nur?
  • Wo erlebe ich Kompetenz? Und wo zweifle ich dauerhaft an mir?
  • Wo erlebe ich echte Verbindung? Und wo bin ich eigentlich allein?

Diese Fragen sind unbequemer als die (zumeist verklärte) Suche nach dem Glück. Aber sie sind auch ehrlicher. Sie führen näher an das, was uns wirklich trägt. Mit unseren ehrlichen Antworten hierauf gewinnen wir Gestaltungsmöglichkeiten, können wir wirklich nachhaltige Veränderungen anstoßen und so diejenigen Bedingungen wenigstens begünstigen, unter denen sich unser persönliches Glück einstellen kann.
Ein Werkzeug, das bei dieser Selbstreflexion und -entwicklung helfen kann, ist dieser Fragebogen. Er untersucht und visualisiert, inwiefern die drei Grundbedürfnisse erfüllt sind. Die Selbsterkenntnis, die dadurch entsteht, ist der erste Schritt zu nachhaltiger Veränderung.

Fragebogen Selbstbestimmung
Gratis-Download Fragebogen Motivation und Psychologische Grundbedürfnisse

Entwicklung beginnt damit, die Bedingungen zu verstehen, unter denen Glück überhaupt entstehen kann. Denn wenn Selbstbestimmung, Kompetenzerleben und Eingebundenheit gegeben sind, dann entsteht Glück oft von selbst, als Begleiterscheinung eines stimmigen Lebens.

Wie kann Coaching Selbstbestimmung ermöglichen?

Wenn Selbstbestimmung der entscheidende Engpass unserer Zeit ist, stellt sich eine zentrale Frage: Wie kann Coaching hier wirksam unterstützen?

„Der Coach wird […] verstanden als „anteilnehmende und autonomieunterstützende Lernumgebung“ (Deci und Ryan 1993, 235). […] Es sollen gemäß Rogers […] Bedingungen hergestellt werden, die autonomes Lernen zulassen und im Sinne einer tatsächlichen Nachhaltigkeit Wahlmöglichkeiten, Spielräume und vor allem Ermunterung bieten“ (Zimmermann 2011, S. 82).

Coaching ist in diesem Verständnis weit mehr als die Vermittlung von (neuen) Lösungen. Es ist die Gestaltung eines Raumes, in dem Menschen sich wieder als wirksam, verbunden und vor allem als selbstbestimmt erleben können. Der Coach wird dabei nicht zum Experten für Antworten, sondern zum Lern- und Entwicklungsbegleiter. In Anlehnung an die Selbstbestimmungstheorie bereitet Coaching eine „anteilnehmende und autonomieunterstützende Lernumgebung“. Entwicklung geschieht hier nicht durch Anleitung oder gar Belehrung, sondern durch ein Umfeld, das Selbstklärung, eigene Entscheidungen und innere Stimmigkeit ermöglicht. Entscheidend ist dabei weniger die Methode als die Haltung.

Menschliche Grundbedürfnisse nach Deci & Ryan
Menschliche Grundbedürfnisse nach Deci & Ryan (eigene Grafik)

Forschung (z.B. Deloi et al. 2021; Wegener u. Ackermann 2021) und Praxis zeigen übereinstimmend: Veränderung entsteht dort, wo Menschen sich in der Beziehung zum Gegenüber gesehen, verstanden und angenommen fühlen. Genau hier setzen die drei Wirkfaktoren an, die Coaching meines Erachtens wirksam machen:

  • Wertschätzung schafft Autonomie
  • Empathie begünstigt soziale Eingebundenheit
  • Kongruenz ermöglicht Kompetenzerleben

Diese drei Haltungen bilden den Resonanzraum, in dem sich die psychologischen Grundbedürfnisse entfalten können. Ein Coach wirkt dabei immer auch als Modell. Durch sein eigenes Verhalten zeigt er, wie ein Zugang zu sich selbst aussehen kann: offen, zugewandt, klar (Zimmermann 2011, S. 203). Diese Haltung überträgt sich – oft implizit – auf die Klient:innen. Konkret bedeutet das: Coaching wird bedürfnisorientiert gestaltet, nicht problemzentriert. Der Coach begleitet somit als Mitfragender, nicht als Wissender. Und er begegnet Menschen mit einer konsequenten ressourcen- und stärkenorientierten Sicht. So entsteht ein Prozess, in dem nicht Lösungen „gegeben“, sondern Erfahrungen ermöglicht werden: Erfahrungen von Klarheit, von Selbstkontakt und von eigener Entscheidungskraft.

Coaching macht Menschen nicht glücklicher. Einen solchen Anspruch zu stellen oder eine solche Wirkung zu versprechen, wäre vollkommen unrealistisch. Coaching kann durchaus helfen zu klären, welche meiner grundlegenden Bedürfnisse wie erfüllt werden können, welche neuen, in mir gefundenen Lösungen mich aus einer überkommenen Ordnung führen. Verstehe ich das als einen iterativen Prozess, erlange ich zugleich Gestaltungsmacht hinsichtlich derjenigen Bedingungen, unter denen mein Erleben von Glück begünstigt wird. Der Vergleich mit dem (vermeintlichen) Glück anderer wird damit obsolet.

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Literatur

  • Deci, E. u. R. Ryan (1993): Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. Zeitschrift für Pädagogik (39): 223-238.
  • Deloie, D., U. Pareik, H. Waldeck u. M. Wirtz (2021 [2007]): Die Bedeutsamkeit der therapeutischen Wirkfaktoren in der Integrativen Therapie und Beratung an Beispielen unterschiedlicher Praxisfelder Sozialer Arbeit. Polyloge (15): 1114 Verfügbar unter https://www.fpi-publikation.de/polyloge/15-2021-deloie-d-pareik-u-waldeck-h-wirtz-m-therapeutische-wirkfaktoren-integrative-therapie-beratung-soziale-arbeit-2007/ (07.04.2026).
  • Frey, B. S. u. L. Steiner (2012): Glücksforschung: Eine empirische Analyse. AStA Wirtsch Sozialstat Arch 6: 9-25. DOI: 10.1007/s11943-012-0119-5.
  • Kriz, J. (2017): »Angemessene Verstörung« als Schlüsselkonzept für Beratungsprozesse. Kontext 48 (3): 234-244.
  • Martela, F., M. Joshanloo u. K. Krys (2026): Autonomy is Associated with Well-being Across the World, but more Strongly in Wealthy and Indvidualistic Countries. Social Indicators Research 181: 27. DOI: 10.1007/s11205-025-03762-z
  • Methfessel, B. (2020): Maslows Bedürfnistheorie und ihre Bedeutung für die Fachdidaktik. Haushalt in Bildung und Forschung (1): 69-86.
  • Polczynski, L. (2026): Glück und Zufriedenheit? Ein anderer Faktor ist wichtiger für das Wohlbefinden. Welt (04.03.2026). Verfügbar unter: https://www.welt.de/gesundheit/article69667ab90bbaff31d07df40d/studie-warum-glueck-allein-nicht-reicht-dieser-faktor-entscheidet-wirklich.html (07.04.2026).
  • Rogers, C. R. (2004): Therapeut und Klient: Grundlagen der Gesprächpsychotherapie. Frankfurt am Main (Fischer) 18. Aufl.
  • Rogers, C. R., u. P. F. Schmid (1991): Person-zentriert: Grundlagen von Theorie und Praxis. Mainz (Grünewald).
  • Ritter, V. u. U. Stangier (2024), Prozessbasierte Therapie bei körperdysmorpher Störung: Ein psychotherapeutisches Behandlungsmanual. Berlin/Heidelberg (Springer). DOI: 10.1007/978-3-662-68379-8_3
  • Watzlawick, P., J. H. Weakland u. R. Fisch (2020): Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. Bern (Hofgrefe), 9. Aufl.
  • Wegener, R. u. S. Ackermann (2021): Wirkfaktoren und Coaching-Prozessforschung. In: C. Rauen (Hrsg.): Handbuch Coaching. Göttingen (Hofgrefe), 4. Aufl., S. 291-312.
  • Wüsten, G. (2022): Lebenssinn und Ressourcen in Psychotherapie und Beratung. Berlin/Heidelberg (Springer). DOI: 10.1007/978-3-662-64730-1_2.
  • Zimmermann, M. (2011): Naturwissenschaftliche Bildung im Kindergarten: Eine integrative Längsschnittstudie zur Kompetenzentwicklung von Erzieherinnen. (Studien zum Physik- und Chemielernen, Bd. 128). Berlin (Logos).
  • Zimmermann, M. (2026a): Motivation verstehen – Motivation leben: Ein Wegweiser für den pädagogischen Alltag. KiTa BW (1): 9-12.
  • Zimmermann, M. (2026b): Optimismus ist lernbar: Motivation neu denken mit der Positiven Psychologie. KiTa aktuell 2026 (2): 14-18.
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„Das Buch bietet einen vielfältigen und dabei sehr differenzierten Überblick über die große Landschaft des Coachings. Besonders wertvoll dabei finde ich, wie überzeugend dargelegt wird, dass alle Methoden, Techniken und ‚tools‘ ihren Wert erst gewinnen durch eine ethisch kongruente Haltung mit tiefem Respekt vor der Einzigartigkeit und Unterschiedlichkeit von Menschen. Mit seiner Offenheit ansteckenden Neugier auch über den ‚Tellerrand des Coachings‘ hinaus und auf die sich in Coachings begegnenden multiplen Perspektiven bietet es einen reichhaltigen Schatz sehr anregender Lernchancen.“ 

Dr. med. Dipl. rer. pol. Gunther Schmidt

„Dieses Buch ist wichtig, weil es eine Sache deutlich macht: Coaching braucht Haltung. Und diese Coaching-Haltung beschränkt sich nicht auf eine Methode, Schule oder Theorie. Sie ist interdisziplinär. Aus meiner Sicht ist das die Grundlage für die Profession Coaching.“

Dr. Christopher Rauen