Warum professionelle Coachinghaltung mit dem Problemverständnis beginnt
Inhalt
1. Wenn ein Problem ins Coaching kommt
2. Der Elefant im Raum: Warum jedes Problem mehrere Seiten hat
3. Was versteht wer unter einem Problem?
3.1 Die Soziale Arbeit fragt nach Kontext und Beteiligten
3.2 Die lösungsorientierte Perspektive fragt nach Ausnahmen und Möglichkeiten
3.3 Die psychodynamische Perspektive fragt nach Bedeutung und Funktion
3.4 Die systemische Perspektive fragt nach Mustern und Lösungsversuchen
4. Problem, Symptom oder psychische Störung? – Warum begriffliche Klarheit zur professionellen Verantwortung gehört
4.1 Symptom
4.2 Psychologische Störung (psychische Störung)
4.3 Die Bedeutung von Diagnostik für Coaching
5. Vom Problem zum Coaching-Fall
6. Die Kunst des Verstehens
7. Fazit: Verstehen, bevor wir verändern
8. Literaturhinweise
1. Wenn ein Problem ins Coaching kommt
Jemand kommt ins Coaching und sagt: „Ich habe ein Problem.“ Für den Alltag klingt dieser Satz eindeutig. Für professionelles Coaching beginnt genau hier die eigentliche Arbeit. Das Problem wird zur Basis des Anliegens, das Klient:in und Coach zusammen bearbeiten.
Doch was genau ist eigentlich ein Problem?
Und warum ist es für eine professionelle Coachinghaltung so bedeutsam, sich damit auseinanderzusetzen, was wir überhaupt als Problem bezeichnen?
Weil Problemdefinitionen keine neutralen Beschreibungen sind. Sie lenken Aufmerksamkeit, strukturieren das Anliegen, und beeinflussen, welche Fragen, Erklärungen und Handlungsmöglichkeiten im Coaching entstehen.
2. Der Elefant im Raum: Warum jedes Problem mehrere Seiten hat
Probleme werden subjektiv wahrgenommen, beschrieben und bewertet werden. Das heißt, was ein Problem ist, wird von den Betroffenen selbst definiert. Somit kann es (viele) unterschiedliche Verständnisse davon geben, was das Problem ist (oder ob überhaupt eins vorliegt) und wie es gelöst werden könnte. Pantuček (2012, S.69) erläutert dieses Prinzip für die Soziale Arbeit: „Jede Akteuer beschreibt die Probleme anders und was für A ein Problem ist, kann für B die Lösung sein.“ Auch in der lösungsorientierten Beratung wird die Subjektivität der Problemsicht konsequent ernst genommen. Bamberger (2008, S. 6) formuliert dazu: „Lösungsorientierte Berater interessieren sich primär dafür, was der Klient selbst darunter [dem Problem] versteht.“
Die Frage danach, was unterschiedliche Menschen jeweils als Problem wahrnehmen, hängt unter anderem mit ihren persönlichen Menschenbildern zusammen: „Menschenbilder erfüllen […] nicht nur eine beschreibende, sondern vor allem eine orientierende und normierende Funktion, indem sie festlegen, was als menschlich gilt und welches Handeln als legitim oder wünschenswert erscheint“ (Zimmermann et al., in Vorb.). Im Umkehrschluss bestimmen Menschenbilder auch mit, wann ein Problem gesehen wird: nämlich dann, wenn eine gelebte Wirklichkeit nicht zu den eigenen Vorstellungen davon passt, wie Menschen fühlen, handeln, entscheiden, arbeiten oder sich entwickeln sollten. Weil Menschenbilder unterschiedlich sind – eine Vielfalt, die durchaus wünschenswert und Zeichen für eine pluralistische Gesellschaft ist (Kriz 2015, S. 133) –, unterscheiden sich auch Einschätzungen darüber, wann überhaupt Handlungsbedarf besteht. Für Coaching bedeutet das: Ein Problem wird nicht allein aus der fachlichen Außenperspektive des Coachs bestimmt. Professionell wird Coaching dort, wo die Realität der Klient ernst genommen und zugleich reflektiert wird, welche Deutungen, Erwartungen und Menschenbilder in die Problemsicht einfließen.
Professionelle Haltung zeigt sich deshalb auch in der Bereitschaft, die eigene Problemsicht als eine Perspektive unter mehreren zu verstehen. Coaches bringen Fachwissen mit, zugleich begegnen sie Klient:innen als Expert:innen ihres Erlebens. Die Aufgabe besteht darin, beide Perspektiven in einen gemeinsamen Klärungsprozess einzubringen.
Übrigens: Mehr zum Thema Menschenbilder findet sich in einer kommenden Publikation von Prof. Dr. Monika Zimmermann: Zimmermann, M., B. A. Fickel, S. Kromer, A. Schäfer u. M. Wiesner (in Vorb.): Coaching-Konzepte entwickeln. Zur Professionalität zwischen Haltung, Wissenschaft und Praxis. Berlin/Heidelberg (Springer).
3. Was versteht wer unter einem Problem?
Um diese Frage geht es in einem neuen Artikel von Prof. Dr. Monika Zimmermann, erschienen bei Praxis Kommunikation. Dort wird der Problembegriff aus Perspektive verschiedener Disziplinen und Schulen erläutert, z.B. Soziale Arbeit, systemischer Ansatz und Positive Psychologie. Denn „[d]as, was Klienten kurz und bündig ein „Problem“ nennen, ist […] eine sehr komplexe Sache – und die verschiedenen Beratungs-Schulen unterscheiden sich auch ganz wesentlich in der Definition dieses Begriffs und den entsprechenden Schlussfolgerungen, die sie daraus für die Beratungsarbeit ziehen“ (Bamberger 2008, S. 6).
Für Coaches bedeutet dies, Komplexität zunächst anzuerkennen und zugleich gemeinsam mit den Klient:innen eine bearbeitbare Perspektive zu entwickeln. Professionelle Reduktion schafft Orientierung, ohne die Lebenswirklichkeit des Menschen auf eine einzige Erklärung zu verkürzen.
Für (angehende) Coachs ist eine Reflexion über das eigene Problemverständnis gekoppelt an eine Auseinandersetzung mit diesen verschiedenen Perspektiven bedeutsam. Denn wie wir Probleme verstehen und somit Anliegen definieren, bestimmt die Coaching-Praxis maßgeblich. Besonders die Unterschiede im Problemverständnis verschiedener Beratungs- und Hilfesystemen sind fachlich aufschlussreich.
3.1 Die Soziale Arbeit fragt nach Kontext und Beteiligten
Die Soziale Arbeit betrachtet besonders ausführlich den sozialen Kontext, in dem ein Problem entsteht. Sie fragt danach, welche Personen, Institutionen, Ressourcen, Abhängigkeiten und strukturellen Bedingungen beteiligt sind. Pantuček (2012) beschreibt Fallprobleme dabei u.a. anhand folgender Merkmale:
„Für die Probleme gibt es eine Vielzahl “richtiger” Erklärungen (sie sind überdeterminiert).“ (Pantuček 2012., S. 66)
Die genaue Ursache eines Problems kann nie eindeutig bestimmt werden, da Probleme stets aus einem Geflecht an Bedingungen entstehen. Somit ergeben sich auch verschiedene Lösungsoptionen für ein jedes Problem.
„An den Problemen sind mehrere Akteure beteiligt.“ (Pantuček 2012., S. 67)
Probleme entstehen nicht im Vakuum, sondern innerhalb sozialer Geflechte und involvieren somit immer mehrere Personen.
„Die Akteur:innen sind eigensinnig und sie halten nicht still, bis der/die Expert:in das Problem gelöst hat.“ (Pantuček 2012., S. 67)
Das Leben von Klient:innen, in dem das Problem eingebettet ist, pausiert nie, so dass sich das Problem stets wandeln oder verschieben kann. Tatsächlich deuten besonders änderungsresistente Probleme darauf hin, dass diese besonders grundlegend oder wenig beeinflussbar sind und somit nur schwer zu lösen.
„Jedes Fallproblem kann als Symptom eines anderen Problems aufgefasst werden.“ (Pantuček 2012., S. 68)
Stress am Arbeitsplatz kann Streit mit dem Partner verursachen, oder umgekehrt. Es ist wenig zielführend, herausfinden zu wollen, was das „eigentliche“ Problem ist und was „nur“ ein Symptom. Besser ist es, sich auf das Lösen des gemeinsam definierten Problems zu fokussieren.
„Die Situation ist dynamisch. Sie ändert sich auch ohne das Zutun des/der Expert:in.“ (Pantuček 2012., S. 69)
Siehe vorheriger Punkt: Die Lebenssituation, in der das Problem existiert, wandelt sich stets.
„Die Zahl der Einflussfaktoren ist groß und nicht alle sind bekannt.“ (Pantuček 2012., S. 69)
Es kann nie mit Sicherheit vorausgesagt werden, welche Einflussfaktoren sich wie auf die gegebene Situation auswirken werden. Es braucht also ein Maß an Flexibilität in der Definition des Problems und möglicher Lösungswege.
„Wären alle Einflussfaktoren bekannt, wären die AkteurInnen einschließlich des/der Expert: in handlungsunfähig, weil die Komplexität des Entscheidungsprozesses zu groß wäre.“ (Pantuček 2012, S. 70)
Bei der Lösungsfindung werden nicht alle Einflussfaktoren beachtet, da der Prozess sonst zu lange dauern würde und durch die in Punkt 8 beschriebene kontinuierliche Veränderung der Situation stets neue Faktoren hinzukommen würden. Stattdessen brauchen Sozialarbeiter:innen Modelle, die dabei helfen Situation in ihrer Komplexität zu erfassen und im Anschluss auf ein handlungsleitendes Maß zu reduzieren.
„Es gibt keine zwei gleichartigen Fallprobleme.“ (Pantuček 2012, S. 72)
Individuen sind unterschiedlich und ebenso sind es ihre Kontexte. Somit sind auch die jeweiligen Probleme stets unterschiedlich. Teile sind jedoch typisierbar, was die Voraussetzung für professionelle Interventionen ist.
„Fallprobleme besitzen keine vollständige Liste von Lösungen, ebensowenig lässt sich eine endliche Auflistung von Lösungsoperationen formulieren.“ (Pantuček 2012, S. 73)
Lösungen ergeben sich stets aus der konkreten Problemsituation sowie den verfügbaren Ressourcen und können somit nicht auf eine feste Zahl begrenzt werden. Sozialarbeiter:innen haben somit einen großen Handlungsspielraum im Umgang mit Fallproblemen.
„In die bösartigen (überkomplexen) Probleme sind zahme Probleme eingebettet, die relativ konventionell bearbeitet und gelöst werden können.“ (Pantuček 2012, S. 74)
Viele kleine, alltägliche Probleme können von Sozialarbeiter:innen schnell gelöst werden. Dies trägt einerseits zur Überschaubarkeit bei, kann andererseits aber auch dazu führen, die komplexeren Probleme nicht in Angriff zu nehmen.
„Es ist nicht sicher, dass bösartige Probleme gelöst werden müssen.“ (Pantuček 2012, S. 74)
Manche Lebensumstände können nicht verändert werden. Da Probleme aber erst durch die Einschätzung der Person selbst zu solchen werden, kann es schon helfen, „Probleme“ aus anderen Perspektiven zu betrachten oder umzudefinieren.
„Probleme, auf deren Bearbeitung sich die AkteurInnen kommunikativ einigen, verlieren an Bösartigkeit.“ (Pantuček 2012, S. 75)
Wie die Erkundung des Problems schon ein Schritt in Richtung Lösung ist, so erhöht auch die Verständigung unter den Beteiligten darüber, was das Problem ist, die Chancen auf eine positive Beeinflussung der Situation.
3.2 Die lösungsorientierte Perspektive fragt nach Ausnahmen und Möglichkeiten
Wer ein Problem als Ausgangspunkt für eine erwünschte Zukunft versteht, stellt andere Fragen als jemand, der zunächst seine Ursachen vollständig erklären möchte. Diesen Akzent setzt die lösungsorientierte Beratung in ihrem Problemverständnis: Sie interessiert sich weniger für eine umfassende Problemanalyse als für Ausnahmen vom Problem (d.h. Momente und Situationen, in denen das Problem nicht existiert bzw. nicht als solches wahrgenommen wird), vorhandene Ressourcen und – wie es der Name verrät – Lösungen (Bamberger 2008, S. 7-9).
Das Problem dient als Einstieg, als Gelegenheit für den Beratenden / Coach, Empathie und Wertschätzung zu zeigen, sowie eine Beziehung zu der/dem Klient:in aufzubauen, und als Ausgangspunkt für die Suche nach Lösungsmöglichkeiten (Bamberger 2008, S. 6).
3.3 Die psychodynamische Perspektive fragt nach Bedeutung und Funktion
Die psychodynamische Perspektive erinnert Coaches daran, dass ein als störend erlebtes Verhalten zugleich eine schützende, regulierende oder biografisch verständliche Funktion besitzen kann. Sie versteht ein „Problem“ nicht primär als Defizit oder Störung, sondern betont, dass Symptome eine sinnvolle Ausdrucksform sind. Entsprechend der zentralen Erkenntnis dieser Schule, „dass sehr viele Prozesse, sowohl die förderlichen als auch die hinderlichen, unbewusst ablaufen“ (Korte 2020 ), werden auch Probleme als Ausdruck unbewusster innere Konflikte gesehen:
„Den Anfang nimmt eine solche Dynamik meist durch auslösende Situationen im Alltag, Situationen, die unsere unbewussten Wünsche, Fantasien und Ängste ansprechen. […] Dabei kann es dazu kommen, dass unbewusste Wünsche so drängend werden, dass wir sie nicht mehr durch unsere gewohnte Abwehr abfangen können. So nutzen wir rigidere Abwehrversuche und entwickeln neurotische Symptome. Das Symptom ist dann der sichtbare Ausdruck unserer neurotisch verzerrten Wünsche. Es hat die Funktion, uns vor diesen abzuschirmen, sie aber gleichzeitig dennoch zu erfüllen“ (Wurst et al. 2024, S. 289-290).
Das heißt: Symptome wie z. B. Prokrastination, Konflikte im Team, plötzliche Leistungseinbrüche oder Konzentrationsprobleme haben eine psychologische Funktion. Sie dienen dazu, unbewusste Spannungen zu regulieren – indem sie entweder:
- einen unbewussten Wunsch weiterhin abwehren (z. B. den Wunsch, aus dem Job auszusteigen), oder
- diesen Wunsch indirekt und verzerrt erfüllen (z. B. durch Scheitern oder passiv-aggressives Verhalten, das letztlich zur Kündigung führt).
Besonders wichtig: Ein psychodynamischer Coach fragt nicht „Wie lösen wir das Problem möglichst schnell?“, sondern „Was bedeutet dieses Problem für den Menschen? Was drückt es über unbewusste Bedürfnisse, Ambivalenzen oder frühere Beziehungserfahrungen aus?“. Probleme werden nicht als zu behebende Fehler, sondern als bedeutsame Signale verstanden – mit dem Ziel, verborgene Persönlichkeitsanteile zu integrieren und Handlungsfähigkeit zu erweitern. Die psychodynamische Haltung eröffnet also eine tiefere Deutungsebene, ermöglicht nachhaltige Veränderung und unterstützt Klient:innen darin, ihr Verhalten und ihre inneren Muster bewusster zu verstehen – nicht nur im beruflichen Kontext, sondern auch im Hinblick auf ihre biografisch geprägte Persönlichkeitsstruktur. Die Bearbeitung von „Problemen“ führt somit zu tieferer Selbstintegration und langfristiger Veränderung.
3.4 Die systemische Perspektive fragt nach Mustern und Lösungsversuchen
Im systemischen Ansatz wird ein Problem ebenfalls nicht als isoliertes Defizit verstanden, sondern als Ergebnis von Bewertungen, Zielvorstellungen und stabilisierten Lösungslogiken. „Ein Problem liegt dann vor, wenn ein als negativ bewerteter Ist-Zustand nicht akzeptiert wird und zugleich eine positiv bewertete Zielvision existiert, die erreicht werden soll. […] Die Stabilität des Problems ergibt sich dabei aus konsistenten Lösungslogiken – etwa Kontroll-, Vermeidungs- oder Verhinderungsstrategien –, die das System ordnen, zugleich jedoch Veränderung blockieren“ (Zimmermann 2026). Systemisches Denken richtet die Aufmerksamkeit darauf, wie ein Problem in Beziehungen, Kommunikation und bisherigen Lösungsversuchen aufrechterhalten wird. Dadurch verschiebt sich die Frage von persönlicher Schuld hin zu veränderbaren Wechselwirkungen.
Trotz aller Ähnlichkeiten kann dieses systemische Problemverständnis von der psychodynamischen Perspektive abgegrenzt werden: Im systemischen Ansatz wird ein Problem oft als Ergebnis eines Kommunikationsmusters oder systemischen Zusammenhangs und als gescheiterter Lösungsversuch betrachtet:
- Probleme gelten dort meist als interaktionelle Phänomene, die innerhalb eines Systems (z. B. Familie, Team, Organisation) entstehen und sich durch veränderte Beziehungen oder Sichtweisen auflösen lassen.
- Der Fokus liegt stärker auf Zirkularität, Kontextabhängigkeit und Ressourcen-aktivierung, dem wiederholt gescheiterten Lösungsversuch, weniger auf intra-psychischen Konflikten oder unbewussten Dynamiken.
Nicht das Umfeld steht im Zentrum, sondern die inneren Spannungen, die sich in der Außenwelt reinszenieren – auch wenn die äußere Situation dafür scheinbar keinen Anlass gibt.
Diese Perspektiven zeigen: Problemdefinitionen sind handlungsleitend. Je nachdem, wie ein Coach das Problem versteht, hört er etwas anderes, fragt er anders und eröffnet er andere Entwicklungsräume. Professionelle Coachinghaltung verlangt daher weniger die Entscheidung für eine einzig richtige Definition als die reflektierte und situationsangemessene Verbindung verschiedener Perspektiven.
Weitere Perspektiven auf das Problemkonzept finden sich im Artikel „Was ist ein Problem?“ in der Zeitschrift Praxis Kommunikation (Junfermann Verlag), Heft 4/2026.
4. Problem, Symptom oder psychische Störung? – Warum begriffliche Klarheit zur professionellen Verantwortung gehört
Die Auseinandersetzung mit Problemdefinitionen unterstützt Coaches dabei, ihren Verantwortungsbereich und die Grenzen von Coaching fachlich einzuschätzen. Unterscheiden lässt sich der Problembegriff von den, vor allem in Medizin und Psychologie verwendeten, Begriffen „Symptom“ und „psychologische Störung“. Diese Unterscheidung zu verstehen, kann besonders dann hilfreich sein, wenn es darum geht, die Grenzen von Coaching zu erkennen.
4.1 Symptom
Der Begriff Symptom bezeichnet in der Medizin und Psychologie ein Anzeichen oder Merkmal, das auf einen bestimmten krankheits- oder problembezogenen Zustand hinweist. In der klinischen Psychologie gilt ein Symptom als Indikator eines zugrundeliegenden (psychischen) Problems. Es handelt sich also um beobachtbares Verhalten, Gedanken oder Gefühle, die mit einer Störung oder Problematik einhergehen.
Allgemein versteht man unter Symptom eine vom Individuum wahrgenommene Abweichung von seinem normalen Erleben oder Befinden, zum Beispiel Fiebergefühl, Schmerz oder ungewöhnliche Ängste. Symptome sind meist subjektiv – etwa berichtetes Leid oder Beschwerden – können aber auch objektiv als sogenannte Befunde festgestellt werden (zum Beispiel messbare Verhaltensauffälligkeiten). In der Diagnostik psychischer Störungen bilden einzelne Symptome die Grundeinheiten: Treten bestimmte Symptome typischerweise gemeinsam auf, spricht man von einem Syndrom, und anhand definierter Kriterien kann daraus eine Diagnose gestellt werden (ein klassifiziertes Störungsbild).
Multiperspektivisch betrachtet lassen sich Symptome unterschiedlich deuten. Im medizinisch-psychiatrischen Modell werden sie vor allem als zu reduzierende Krankheitszeichen gesehen. In einem systemischen Verständnis hingegen wird ein Symptom oft nicht isoliert betrachtet, sondern als Signal im Kontext eines sozialen Systems verstanden. So kann zum Beispiel das Symptom eines Kindes (etwa aggressives Verhalten) als Ausdruck tieferliegender familiärer Konflikte gelten oder als ein „Lösungsversuch“ des Systems, um auf ein anderes Problem hinzuweisen (vgl. von Schlippe & Schweitzer 2003, S. 103-104).
In der sozialpädagogischen Diagnostik bedeutet dies, dass Symptome immer im Zusammenhang mit der individuellen Lebenswelt und Umwelt der Adressat*innen interpretiert werden. Ein Symptom erhält seinen Bedeutungsgehalt dadurch, worauf es hinweist und für wen es ein Problem darstellt. So kann etwa Drogenkonsum als Symptom einer persönlichen Bewältigungsstrategie und gleichzeitig als soziales Problem (etwa aus Sicht von Angehörigen oder Behörden) verstanden werden. Symptomatik wird folglich mehrperspektivisch gedeutet, um angemessene Hilfeplanungen abzuleiten. Dies entspricht dem konstruktivistischen Verständnis, wonach „die Welt immer aus bestimmten Perspektiven der Beobachter gesehen und beschrieben wird“ (Fischer et al. 2020, S. 8). Es gibt also keine absolut objektive Symptomdeutung – entscheidend ist stets der Zusammenhang, in dem ein Symptom auftritt und von wem es als abweichend bewertet wird.
„Das Buch bietet einen vielfältigen und dabei sehr differenzierten Überblick über die große Landschaft des Coachings. Besonders wertvoll dabei finde ich, wie überzeugend dargelegt wird, dass alle Methoden, Techniken und ‚tools‘ ihren Wert erst gewinnen durch eine ethisch kongruente Haltung mit tiefem Respekt vor der Einzigartigkeit und Unterschiedlichkeit von Menschen. Mit seiner Offenheit ansteckenden Neugier auch über den ‚Tellerrand des Coachings‘ hinaus und auf die sich in Coachings begegnenden multiplen Perspektiven bietet es einen reichhaltigen Schatz sehr anregender Lernchancen.“
Dr. med. Dipl. rer. pol. Gunther Schmidt
„Dieses Buch ist wichtig, weil es eine Sache deutlich macht: Coaching braucht Haltung. Und diese Coaching-Haltung beschränkt sich nicht auf eine Methode, Schule oder Theorie. Sie ist interdisziplinär. Aus meiner Sicht ist das die Grundlage für die Profession Coaching.“
4.2 Psychologische Störung (psychische Störung)
Der Begriff psychische Störung (psychologische Störung) bezeichnet ein klinisch relevantes Muster von Erlebens- und Verhaltensweisen, das mit Leiden oder Beeinträchtigungen einhergeht und die Kriterien einer Krankheitsklassifikation erfüllt. Eine psychische Störung liegt nach gängigen Definitionen vor, wenn bestimmte Symptome über eine gewisse Dauer und Intensität auftreten und zu deutlichem subjektivem Leidensdruck sowie sozialer bzw. beruflicher Funktionsbeeinträchtigung führen. So spricht man von einer Störung, wenn das gewöhnliche Leben der betroffenen Person erheblich beeinträchtigt ist – etwa durch anhaltende Ängste, Depressionen, Wahrnehmungsverzerrungen oder Kontrollverlust – und wenn diese Phänomene über das hinausgehen, was als kulturell erwartbare Reaktion auf Lebensereignisse gelten würde. Psychische Störungen werden anhand internationaler Klassifikationssysteme diagnostiziert, vor allem dem Diagnosemanual ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation und dem DSM-5 der American Psychiatric Association. Diese Systeme definieren für jedes Störungsbild konkrete Diagnosekriterien (eine bestimmte Anzahl typischer Symptome, deren Mindestdauer, Ausschluss anderer Ursachen etc.), um eine einheitliche Identifikation zu ermöglichen. So finden sich im ICD-10 für jede Störung Kurzbeschreibungen und diagnostische Kriterien, die sicherstellen sollen, dass die Diagnosen reliabel und klinisch nützlich sind. Beispielsweise erfordert die Diagnose einer Anpassungsstörung das Auftreten von „Zuständen von subjektiver Bedrängnis und emotionaler Beeinträchtigung, die im allgemeinen soziale Funktionen und Leistungen behindern“ nach einem belastenden Ereignis. Dies verdeutlicht, dass sowohl das individuelle Leiden als auch die Funktionsfähigkeit zentrale Bezugspunkte in der Definition psychischer Störungen sind.
Gleichzeitig sind psychische Störungen nicht losgelöst von gesellschaftlichen und normativen Wertungen. Was als „Störung“ gilt, unterliegt auch kulturellen Einflüssen – es gibt beispielsweise kulturspezifische Syndrome, die nur in bestimmten kulturellen Kontexten beschrieben werden. Außerdem sind die Grenzen zwischen „normal“ und „gestört“ oft fließend und Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. So war es etwa historisch schwierig, allgemein akzeptierte Definitionen für Begriffe wie Neurose oder Psychose zu finden. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive wird daher betont, dass Diagnosen keine absoluten Wahrheiten darstellen, sondern „Annahmen, Konstruktionen von erkennenden Menschen“ sind, die lediglich vorläufige Gültigkeit beanspruchen. Mit anderen Worten: Eine psychische Störung ist immer auch ein Konstrukt, das auf Basis von beobachteten Phänomenen formuliert wird, und dieses Konstrukt kann – sofern neue Erkenntnisse oder veränderte gesellschaftliche Sichtweisen es erfordern – revidiert werden. Staub-Bernasconi (2003) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass jede Diagnose in der Sozialen Arbeit von den Wertungen und dem Kontext der Urteilenden beeinflusst ist. In diesem Sinne wird hervorgehoben, dass soziale Diagnostik in der Klinischen Sozialarbeit „immer Beziehungs- und Lebensweltdiagnose“ ist (Fischer et al. 2020, S. 7). Das bedeutet, psychische Auffälligkeiten werden in der Sozialen Arbeit stets in Zusammenhang mit den sozialen Beziehungen, Lebensumständen und Umweltbedingungen der betroffenen Person verstanden.
Dennoch haben sich in Praxis und Forschung Arbeitsdefinitionen etabliert: Psychische Störungen sind demnach Erlebens- oder Verhaltensmuster, die statistisch und qualitativ von der Norm abweichen, mit persönlichem Leid oder Gefährdung einhergehen und behandlungsbedürftig sind (Wittchen 1998, S. 7–10). Sie reichen von leichteren Beeinträchtigungen (z. B. Phobien) bis hin zu schweren psychischen Erkrankungen (z. B. Schizophrenie), können unterschiedlich ausgeprägt sein (Remission, Episoden, Chronifizierung) und betreffen zahlreiche Lebensbereiche der Person. Eine psychische Störung zu diagnostizieren, bedeutet für die Fachkräfte, verantwortungsvoll mit diesen Kategorien umzugehen – einerseits, um notwendige Hilfe und Behandlung einzuleiten, andererseits, um die betroffene Person nicht auf ein Label zu reduzieren. Eine fundierte sozialpädagogische Diagnostik betrachtet psychische Störungen daher stets multiperspektivisch: Sie integriert die medizinisch-psychologische Sicht (klinische Diagnose, Symptomatik) mit einer Betrachtung der individuellen Lebenswelt, der sozialen Unterstützungsfaktoren und der Ressourcen der Person. So wird sichergestellt, dass hinter der diagnostischen Kategorie die einzigartige Situation des Menschen gesehen und im Hilfeprozess berücksichtigt wird.
4.3 Die Bedeutung von Diagnostik für Coaching
Diagnostik ist der Prozess des Wahrnehmens, Einordnens und Entscheidens mit Hilfe von Begriffen und Perspektiven. Die Begriffe Diagnostik (die Tätigkeit des Diagnostizierens) und Diagnose (das Ergebnis) haben von der Antike bis heute in unterschiedlichen Fachdisziplinen teils stark variierende Bedeutungen erfahren. Allgemein versteht man darunter den Prozess des gründlichen Erkennens und Entscheidens – so leitet sich Diagnose vom griechischen diagignṓskein („gründlich kennenlernen/entscheiden“) ab.
In allen Disziplinen geht es um das Sammeln und Interpretieren von Informationen, um zu einer Einschätzung zu gelangen, die weiteres Handeln leitet. Dabei zeigen sich aber schulenübergreifende Gemeinsamkeiten (z. B. systematisches Vorgehen, Unterscheidung von Normal/abweichend, Entscheidungsfindung unter Unsicherheit) ebenso wie paradigmatische Unterschiede: So orientieren sich Medizin und Psychologie traditionell an festen Kategorien von Krankheit bzw. Störung, während Diagnosen in Sozialer Arbeit und Pädagogik eher kontextuelle Beschreibungen zur Planung von Hilfen darstellen (Problem und Lösung) und keine absolut objektiven Befunde sein wollen.
Die Philosophie wiederum reflektiert Diagnostik auf einer Meta-Ebene und betont die interpretative Natur jeder Diagnose:
- Medizin strebt eine objektive Klassifikation an (z. B. ICD) zur Therapieentscheidung,
- Psychologie oszilliert zwischen kategorialer und verstehensorientierter Perspektive,
- Pädagogik richtet Diagnostik auf Kompetenzförderung aus,
- Soziale Arbeit kontextualisiert Lebenslagen für zielgerichtete Hilfen,
- Philosophie und Wissenschaftstheorie analysiert Diagnostik als erkenntnistheoretischen Akt.
Der Begriff der Kompetenz-Salienz wirkt als interdisziplinäre Brücke: Er betont die Notwendigkeit, in diagnostischen Prozessen nicht nur Defizite, sondern v. a. auch vorhandene Ressourcen und Stärken sichtbar zu machen. „Salienz bedeutet bei Dreyfus, die Fähigkeit (das Bewusstsein), wichtige von unwichtigen Attributen einer Situation unterscheiden zu können, was im weitesten Sinne dem Vorgang einer situationsangemessenen Priorisierung nahe kommt“ (Zimmermann 2011, S. 71). Der Begriff Kompetenz-Salienz bezeichnet die Hervorhebung von Kompetenzen (Fähigkeiten, Stärken) einer Person im Diagnoseprozess.
In jüngeren diagnostischen Ansätzen – besonders in Pädagogik und Sozialer Arbeit – wird betont, dass Diagnostik nicht einseitig defizitorientiert sein soll, sondern ressourcenorientiert. Das heißt, die vorhandenen Kompetenzen eines Klienten oder Lernenden sollen sichtbar gemacht und bewusst in den Vorder-grund gestellt werden (salient sein). Beispielsweise fragt eine moderne pädagogische Diagnose ausdrücklich: „Welche Kompetenzzuwächse können wahrgenommen werden?“– anstatt nur festzustellen, was jemand nicht kann. Durch diese Kompetenz-Salienz entsteht ein ausgewogeneres Bild: Diagnosen umfassen dann sowohl Problembereiche als auch Stärkeprofile.
Der Zusammenhang zwischen Diagnostik und Kompetenz-Salienz liegt also darin, dass eine kompetenzsaliente Diagnostik die Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten einer Person betont. In der Sozialen Arbeit etwa bedeutet dies, Klientinnen als Expertinnen in eigener Sache anzusehen, ihre Bewältigungsstrategien und Ressourcen in die Fallbeschreibung einzubeziehen. In der Psychologie/Pädagogik führt Kompetenz-Salienz zu förderorientierten Gutachten, die neben Schwächen immer auch die Leistungsfähigkeit und Fortschritte aufführen. Dieses Konzept reagiert auf die Gefahr der Stigmatisierung durch Diagnosen: Wenn Kompetenzen salient sind, wird deutlich, dass die betroffene Person trotz diagnostizierter Probleme über Fähigkeiten verfügt, an die angeknüpft werden kann. Diagnostik und Kompetenz-Salienz gehören somit zusammen, indem eine zukunftsgerichtete, emanzipatorische Diagnosepraxis beide Seiten der Medaille erfasst – Defizite und Potenziale – und damit interdisziplinär einen wichtigen Paradigmenwechsel markiert, hin zu einer ermutigenden statt entmutigenden Diagnostikkultur.
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5. Vom Problem zum Coaching-Fall
Professionelle Coachingkompetenz zeigt sich darin, wie aus einer zunächst unsortierten Problemschilderung ein gemeinsames, respektvoll geklärtes und verantwortbar bearbeitbares Anliegen entsteht. Denn ein Fall ist nicht einfach identisch mit einem Problem. Ein Fall entsteht dann, wenn ein Problem professionell aufgegriffen, beschrieben, eingeordnet und bearbeitbar gemacht wird. In der Sozialen Arbeit entsteht ein Fall durch die professionelle Frage, „was der Fall ist“, also welche soziale Problemlage vorliegt und was – aus fachlicher Sicht – getan werden muss.
Dementsprechend lässt sich der diagnostische Prozess laut Burkhard Müller (2012, S. 7-8) auf zwei Grundfragen verdichten: „Wer hat welches Problem?“ und „Was ist aus fachlicher Sicht zu tun?“. Diese Fragen verdeutlichen, dass ein sozialpädagogischer Fall immer die Zuordnung eines Problems zu einer Person bzw. einem System beinhaltet (Problemträger:in und Problembeschreibung) sowie die daraus abgeleitete fachliche Intervention.
Übertragen auf Coaching bedeutet das: Aus einem Problem wird dann ein Coaching-Fall, wenn Klient und Coach gemeinsam klären, welches Anliegen bearbeitet werden soll, welche Deutungen und Kontexte bedeutsam sind, welche Ressourcen zur Verfügung stehen und welche nächsten Schritte fachlich verantwortbar erscheinen.
Professionelles Coaching beginnt somit nicht einfach mit einem Problem. Es beginnt mit der gemeinsamen, sorgfältigen, respektvollen und fachlich reflektierten Frage, wie dieses Problem verstanden werden kann – und welche Entwicklung daraus möglich wird. Die Problemdefinition ist damit kein einmaliger Schritt am Anfang des Coachings. Sie bleibt eine vorläufige gemeinsame Arbeitsgrundlage, die im Prozess überprüft, erweitert und verändert werden darf.
6. Die Kunst des Verstehens
In unserer Coaching-Ausbildung lernen die Teilnehmenden den Umgang mit „Problemen“ als professionelle Kunst des Verstehens. Denn Menschen kommen selten mit einem sauber sortierten Problem ins Coaching. Sie kommen mit Druck, Ärger, Unsicherheit, Konflikten, Erschöpfung, Veränderungswünschen oder dem Gefühl: So wie es gerade ist, passt es nicht mehr. Genau hier beginnt Coaching.
Unsere Teilnehmenden lernen, ein Problem zunächst nicht vorschnell zu lösen, sondern es gemeinsam mit den Klient:innen klug zu erkunden: Wer erlebt hier eigentlich was als Problem? In welchem Kontext entsteht es? Welche Bewertungen, Erwartungen, Menschenbilder und bisherigen Lösungsversuche halten es möglicherweise stabil? Und welche Ressourcen, Werte oder Entwicklungsmöglichkeiten werden sichtbar, wenn wir anders darauf schauen?
Dafür verbinden wir in der Ausbildung verschiedene Perspektiven. Die personzentrierte Haltung schafft den Beziehungsraum, in dem Menschen sich wirklich verstanden fühlen. Systemische Ansätze helfen, Muster, Wechselwirkungen und Kommunikationsschleifen zu erkennen. Die Positive Psychologie richtet den Blick auf Ressourcen, Sinn, Wohlbefinden und Selbstwirksamkeit. Logotherapie, Transaktionsanalyse, Inneres Team, Drama-Dreieck, Tetralemma, GROW, Solution Surfing und Embodiment erweitern den Blick auf das, was hinter einem Problem lebendig wird: Bedürfnisse, Werte, Ambivalenzen, alte Muster und neue Möglichkeiten.
Besonders kraftvoll wird dieses Lernen, weil es bei uns immer an echten Fällen geschieht. In Live-Coachings, Supervisionen, Empathy Labs, kollegialer Beratung, Praxisarbeiten und Organisationsprojekten üben die Teilnehmenden, aus einem diffusen Problem ein bearbeitbares Anliegen zu entwickeln. Sie erleben, wie sich festgefahrene Situationen verändern können, wenn ein Mensch sich gehört fühlt, ein Team seine Kommunikationsmuster erkennt oder eine Organisation beginnt, Kultur, Verantwortung und Beziehung neu zu betrachten.
Aus vielen einzelnen Wahrnehmungen rund um Kommunikation, Wertschätzung, Verantwortung und Zusammenarbeit wird ein gemeinsamer Kulturentwicklungsprozess. In Team-Coachings, Resilienzformaten und Lehrtagen wird immer wieder sichtbar: Probleme sind oft Einladungen, genauer hinzusehen. Sie zeigen, wo Entwicklung ruft.
Auch die Rückmeldungen unserer Teilnehmenden bestätigen diesen Kern. Besonders bedeutsam erleben sie jene Momente, in denen ein Problem plötzlich anders verstehbar wird. Wenn aus einem Gedankenstrudel eine innere Logik erkennbar wird. Wenn aus einem Konflikt ein Beziehungsmuster sichtbar wird. Wenn aus Überforderung ein Hinweis auf Werte, Grenzen oder Selbstfürsorge entsteht. Genau dann beginnt Coaching zu wirken.
Unsere Teilnehmenden lernen, zuzuhören, zu sortieren, zu fragen, zu spiegeln, zu irritieren, Ressourcen sichtbar zu machen und Entwicklung professionell zu begleiten. Am Ende geht es um eine zentrale Kompetenz: aus Problemschwere einen Denk- und Entwicklungsraum zu öffnen. So wird der Umgang mit Problemen bei uns zu einem roten Faden der gesamten Ausbildung: Probleme werden verständlicher, Anliegen klarer, Ressourcen sichtbarer und Menschen wieder handlungsfähiger.
🐘 Was ich Euch noch sagen will…
Nach Abschluss der interdisziplinären Coaching-Ausbildung führen wir mit unseren Teilnehmer:innen Einzelgespräche und fragen nach ihren Eindrücken und Erlebnissen während der einjährigen Ausbildung im Zentrum für interdisziplinäres Coaching. Einige Zitate aus diesen Abschlußgesprächen dürfen wir hier wiedergeben.






7. Fazit: Verstehen, bevor wir verändern
Professionelle Coachinghaltung zeigt sich daher weniger darin, eine vermeintlich richtige Problemdefinition zu besitzen. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, die eigene Sicht zu reflektieren, verschiedene Perspektiven einzubeziehen und gemeinsam mit Klient:innen eine Beschreibung zu entwickeln, die würdigt, klärt und neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet.
Für diese Reflexion bietet mein Fachartikel „Was ist ein Problem?“ (Zeitschrift Praxis Kommunikation (Junfermann Verlag), Heft 4/2026) eine vertiefende Ressource. Er versammelt zahlreiche Problemdefinitionen aus unterschiedlichen Disziplinen und Beratungsschulen und zeigt, welche Konsequenzen sich daraus für Coaching, Diagnostik und professionelle Fallarbeit ergeben. Der Artikel kann damit sowohl in der Coaching-Ausbildung als auch zur Reflexion der eigenen Praxis genutzt werden.
8. Literaturhinweise
Bamberger, G. G. (2008): Lösungsorientierte Beratung – und ein bisschen mehr … Tübingen (dvb).
Fischer, M., L. Putz-Erath, D. Kilk u. M. Zimmermann (2020): Wozu soziale Diagnostik? Begriffsverständnis, Annahmen, Forschungsstand und Praxisbezug. Beratung aktuell 21 (3): 4–22.
Korte, M. (2020): Psychoanalytische Supervision. Verfügbar unter: http://www.praxis-dr-korte.de/cms/index.php?id=28&type=98 [12.06.2025].
Kriz, J. (2015). Menschenbilder in der Psychotherapie – eine schulenübergreifende Perspektive auf grundlegende Aspekte psychotherapeutischer Diskurse. In H. G. Petzold (Hrsg.), Die Menschenbilder in der Psychotherapie. Interdisziplinäre Perspektiven und die Modelle der Therapieschulen (2. Aufl., S. 133–156). Aisthesis Verlag.
Müller, B. (2012): Sozialpädagogisches Können. Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit. Freiburg (Lambertus), 7. Aufl.
Pantuček, P. (2012): Soziale Diagnostik. Verfahren für die Praxis Sozialer Arbeit. Wien/Köln/Weimar (Böhlau), 3. Aufl.
Schlippe, A. von, J. Schweitzer (2003): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht), 9. Aufl.
Wittchen, H.-U. (Hrsg.) (1998): Handbuch psychische Störungen. Eine Einführung. Weinheim (Psychologie Verlags Union), 2. Aufl.
Wurst, A., J. Perlinger, L. Derwahl u. T. Kretschmar (2024): Psychodynamisches Business-Coaching – Einblicke in unbewusste Prozesse für interessierte Coaches. In: M. Zimmermann (Hrsg.): Coaching – zum Wachstum inspirieren. Ein interdisziplinäres, integratives Handbuch. Heidelberg (Carl-Auer), S. 284–306.
Zimmermann, M. (2011): Naturwissenschaftliche Bildung im Kindergarten: Eine integrative Längsschnittstudie zur Kompetenzentwicklung von Erzieherinnen. (Studien zum Physik- und Chemielernen, Bd. 128). Berlin (Logos).
Zimmermann, M. (2026). Was versteht wer unter einem Problem? Interdisziplinäre, schulenübergreifende Perspektiven. Praxis Kommunikation, 4/2026. Paderborn (Junfermann Verlag)
Zimmermann, M., B. A. Fickel, S. Kromer, A. Schäfer u. M. Wiesner (in Vorb.): Coaching-Konzepte entwickeln. Zur Professionalität zwischen Haltung, Wissenschaft und Praxis. Berlin/Heidelberg (Springer).

