Vorschnelle Urteile engen ein – positive Unterstellung öffnet Räume
Beispiele, wo Wertfreiheit eine Hypothek darstellt
Inhaltsverzeichnis
In meiner Arbeit mit Teams erlebe ich sehr konkret, wie eng Menschenbild, Wahrnehmung, Beziehung und Entwicklungsmöglichkeiten miteinander verbunden sind.
Konstruktivistisch zugespitzt lautet meine Überzeugung: Wir können nicht nicht werten. Wahrnehmung bedeutet Auswahl, Deutung und Bedeutungsgebung. Auch ein professioneller Blick bleibt ein Blick aus einer bestimmten Perspektive. Und in Beziehung ist uns das Gegenüber, sein Verhalten und dessen Wirkung auch nicht wirklich egal. Deshalb interessiert mich weniger die Vorstellung einer vollständig wertfreien Begegnung als die Frage:
Für welche erste Bewertung entscheide ich mich?
Meine Antwort darauf ist die buchstäblich entscheidende Kraft der positiven Unterstellung.
Den Deutungsraum bewusst besetzen
Positive Unterstellung bedeutet für mich ganz pointiert: Ich unterstelle etwas. Ich entscheide mich bewusst, meinem Gegenüber zunächst „gute“, kompetente Gründe und eine genuin positive Absicht für sein Verhalten zuzuschreiben. „Positiv“ heißt dabei: Aus seiner eigenen inneren Logik versucht ein Mensch etwas für ihn Wertvolles zu sichern oder herzustellen, etwa Schutz, Zugehörigkeit, Selbstwert, Sicherheit, Autonomie, Beziehung, Ordnung, Einfluss oder Verantwortung. Auch ein Verhalten, das andere belastet, kann aus einer Absicht entstehen, die für die handelnde Person zunächst sinnvoll und konstruktiv ist.
Ob meine Unterstellung den tatsächlichen Grund trifft, kläre ich anschließend fragend. Aber mein erster gedanklicher Zug ist entschieden: Ich suche durch Gespräch zunächst nach dem guten Grund und der positiven Absicht.
Genau darin liegt für mich die Kraft. Indem ich den Deutungsraum bewusst, proaktiv und humanistisch-ressourcenorientiert besetze, ist zunächst weniger Platz für konkurrierende Unterstellungen wie „egoistisch“, „faul“, „illoyal“, „unfähig“, „manipulativ“ oder „der will mir etwas Böses“. Aus „So ist der eben“ wird: „Wofür könnte dieses Verhalten aus seiner Sicht gerade eine Lösung sein?“
„Du bist die Methode“ – Haltung wirkt vor der Methode
Dieser Gedanke berührt unmittelbar die Grundidee unseres aktuellen Herausgeberbandes „Du bist die Methode. Professionell coachen durch Interdisziplinarität und Perspektivenreichtum“ (Carl-Auer, 2026). Coaches bringen sich immer mit ein: mit Menschenbild, Werten, Erfahrungen, Erklärungsmustern und Erwartungen. Die Methode beginnt deshalb vor der Methode. Bevor ich eine systemische Frage stelle oder ein Tool auswähle, hat meine Haltung bereits beeinflusst, was ich sehe und was ich meinem Gegenüber zutraue.
„Das Buch bietet einen vielfältigen und dabei sehr differenzierten Überblick über die große Landschaft des Coachings. Besonders wertvoll dabei finde ich, wie überzeugend dargelegt wird, dass alle Methoden, Techniken und ‚tools‘ ihren Wert erst gewinnen durch eine ethisch kongruente Haltung mit tiefem Respekt vor der Einzigartigkeit und Unterschiedlichkeit von Menschen. Mit seiner Offenheit ansteckenden Neugier auch über den ‚Tellerrand des Coachings‘ hinaus und auf die sich in Coachings begegnenden multiplen Perspektiven bietet es einen reichhaltigen Schatz sehr anregender Lernchancen.“
Dr. med. Dipl. rer. pol. Gunther Schmidt
„Dieses Buch ist wichtig, weil es eine Sache deutlich macht: Coaching braucht Haltung. Und diese Coaching-Haltung beschränkt sich nicht auf eine Methode, Schule oder Theorie. Sie ist interdisziplinär. Aus meiner Sicht ist das die Grundlage für die Profession Coaching.“
„Coaches sind 10-Kämpfer. Unser Motto leitet viele Coaches schon lange dabei, wenn sie vielfältige Perspektiven in Konversationen einbringen, wenn sie sich selbst und ihre Dialogpartner zum gemeinsamen Reflektieren und Lernen animieren. Handwerklich ordentliches Coaching mit jeder beliebigen Wissensspezialisierung steht durch KI bereits heute kostenlos zur Verfügung. Entscheidend für das Integrieren solcher Dienste und für persönliche Begegnung wird sein, ob Coaches ihren ganz eigenen Stil, ihre Urteilfähigkeit und Resonanz als Menschen damit verbinden können. Das vorliegende Werk lädt dazu ein, sich professionell genau dorthin zu entwickeln.“
Wo wird Wertfreiheit zur Hypothek?
1. Wenn Lästern eine Funktion hat und trotzdem eine Grenze braucht
In einem Team-Coaching begegnete mir ein über Jahre eingeübtes Muster indirekter Kommunikation. Ärger wurde häufig mit Kolleg:innen besprochen, während die eigentlich betroffene Person abwesend blieb. Eine offene Betrachtung zeigt nachvollziehbare Funktionen: Menschen entlasten sich, erleben Zugehörigkeit, erhalten Bestätigung und vermeiden zunächst eine schwierige direkte Auseinandersetzung.
Meine positive Unterstellung lautet hier: Da versucht jemand gerade, ein gutes und nachvollziehbares Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Entlastung, Sicherheit oder Anerkennung zu regulieren. Die Person will sich verbinden, verstanden fühlen oder schützen. Genau diese positive Absicht unterstelle ich zuerst (in mir UND explizit im Gespräch).
Dann kommt die zweite Ebene: Die gewählte Form erzeugt Misstrauen, lässt Konflikte ungelöst und schwächt direkte Verantwortungsübernahme. Im Team entstand deshalb eine klare Vereinbarung: destruktives Sprechen über Abwesende begrenzen und Austausch in direkte Nachfrage, Klärung oder konkrete Unterstützung überführen. Die positive Unterstellung lautet: Dein Bedürfnis und deine Absicht ergeben für mich Sinn. Die professionelle Wertentscheidung ergänzt: Wir suchen dafür eine Form, die Würde, Beziehung und direkte Verständigung stärkt.
Wenn ich bei möglichst wertfreier Beschreibung stehen bliebe, könnte ich das Muster analysieren. Für seine gemeinsame Veränderung brauche ich eine Vorstellung davon, welche Bedingungen Vertrauen und Entwicklung fördern.
2. Wenn Neutralität das Spiel stabilisieren kann
In einem anderen Team zeigte sich ein Dreiecksmuster: A erlebt einen Konflikt mit B, spricht mit C, C soll bestätigen, vermitteln oder eingreifen. B erfährt später eine bereits interpretierte Version. Weitere Personen kommen hinzu. Aus einem konkreten Ereignis entsteht eine Geschichte darüber, wer die problematische Person ist.
Besonders aufschlussreich war die Rolle der Führungskraft. Verweigerte sie die erwartete Parteinahme und versuchte neutral zu bleiben, konnte diese Neutralität wiederum als Botschaft interpretiert werden: „Die Führung steht nicht hinter mir.“ Der Versuch der Neutralität wurde selbst Bestandteil der Dynamik.
Für mich zeigt sich hier eine entscheidende Unterscheidung: Keine Partei zu ergreifen ist etwas anderes, als keine Haltung einzunehmen.
Als Coach gebe ich beiden Perspektiven Raum und unterstelle beiden Seiten gute Gründe. Gleichzeitig entscheide ich mich gegenüber dem Prozess für direkte Kommunikation, Eigenverantwortung, Klärung, das Prüfen von Wahrnehmungen und Würde. Die Intervention zielt deshalb auf das Muster statt auf die Frage, wer recht hat. Gemeinsam entstehen Spielregeln, unter denen direktes Sprechen, Verlässlichkeit, Fehlerlernen und Verantwortung attraktiver werden als das alte Spiel. Auch das ist eine Wertentscheidung. Eine bewusste Entscheidung darüber, welche Form von Zusammenarbeit wir für entwicklungsförderlich halten.
3. Wenn ein persönlicher Angriff anders gelesen wird
Die Kraft der positiven Unterstellung zeigt sich ebenso in persönlichen Beziehungen. Stellen wir uns vor: Zwei Menschen stehen sich nahe. Er reagiert auf eine beiläufige Bemerkung plötzlich laut, scharf und aggressiv. Ein schneller nächster Zug wäre der Gegenangriff: „Was fällt dir ein, so mit mir zu reden?“ Innerhalb von Sekunden entstehen wechselseitige Zuschreibungen.
Positive Unterstellung erzeugt einen anderen ersten Zug. Sie entscheidet sich innerlich: „Ich unterstelle ihm, dass er einen guten Grund dafür hat, gerade derart aufgebracht zu sein, und dass seine eigentliche Absicht etwas für ihn Wichtiges schützen, sichern oder bewältigen will. Etwas ist für ihn gerade bedeutsam, bedroht oder schützenswert.“
Aus dieser Unterstellung entsteht eine andere Frage: „Du wirkst gerade unglaublich aufgebracht. Was ist passiert? Was steckt dahinter?“ Vielleicht geht es um eine Kränkung, Angst oder Überforderung. Vielleicht liegt der Grund ganz woanders. Die Unterstellung wird im Dialog geprüft. Gleichzeitig bleibt die Grenze klar: „Ich möchte verstehen, was mit dir los ist, und ich möchte, dass wir respektvoll miteinander sprechen.“ Genau hier verändert die positive Unterstellung den nächsten Zug der Interaktion. Sie unterstellt eine gute Absicht, öffnet damit Beziehung – und verbindet Verstehen mit Verantwortung.
Person – Verhalten – Prozess
Der Person begegne ich mit positiver Unterstellung: gute Gründe, eine positive Absicht, Würde, Ressourcen, Kompetenzen und Entwicklungsfähigkeit. Das Verhalten betrachte ich in seiner Funktion und Wirkung. Den Prozess gestalte ich wertbewusst und unterstütze Bedingungen, die Autonomie, Beziehung, Verantwortung, Sicherheit und Entwicklung fördern.
Diese Haltung ist theoretisch gut anschlussfähig. Der personzentrierte Ansatz vertraut auf Entwicklung in einer wertschätzenden, empathischen Beziehung. Systemische Perspektiven fragen nach dem subjektiven Sinn und der Funktion von Verhalten. Beim Inneren Team wird selbst störenden inneren Anteilen eine gute Absicht zugeschrieben. Positive Psychologie und Forschung zu Erwartungseffekten zeigen zudem, dass Erwartungen beeinflussen, wie wir anderen begegnen. Erwartungen sind nie neutral. Damit schließt sich für mich der Kreis:
Meine Haltung beeinflusst meinen Blick. Mein Blick beeinflusst mein Verhalten. Mein Verhalten gestaltet Beziehung. Und Beziehung beeinflusst, welche Möglichkeiten mein Gegenüber zeigen kann.
Wertoffen gegenüber Menschen – wertbewusst im Handeln
Die Ausgangsfrage würde ich heute deshalb so beantworten: Wertfreiheit wird dort zur Hypothek, wo sie die eigene Mitwirkung an Deutung und Beziehung unsichtbar macht und uns daran hindert, Verantwortung für Entwicklungsbedingungen zu übernehmen.
Ich möchte Menschen wertoffen begegnen und mein professionelles Handeln wertbewusst gestalten. Für Würde. Für Autonomie. Für Beziehung. Für Verantwortung. Für Entwicklung.
Und ich entscheide mich bewusst für eine Bewertung: die positive Unterstellung. Ich unterstelle zuerst den guten Grund. Ich unterstelle zuerst die positive Absicht.
Dann frage ich nach, prüfe meine Hypothese, höre zu, setze Grenzen und gestalte gemeinsam den nächsten Schritt. Positive Unterstellung hält einen Menschen für mehr als die erste negative Erklärung, die uns über ihn einfällt. Hier beginnt genau auch das, was wir mit „Du bist die Methode“ meinen: Professionelle Haltung zeigt sich darin, welche Möglichkeiten mein eigener Blick im anderen offenhält.
Vorschnelle Urteile engen ein. Positive Unterstellung öffnet Räume.
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