Menschenbilder - unterschätzt und unbewusst denk- und handlungsleitend

Menschenbilder – Frühkindliche Prägungen und die transaktionsanalytische Perspektive

Frühkindliche Prägungen, die transaktionsanalytische Perspektive und ihre Bedeutung für Coaching
als Ergänzung zum Buch von Monika Zimmermann (Hrsg.) „Coaching-Konzepte entwickeln. Zur Professionalität zwischen Haltung, Wissenschaft und Praxis“

Besonders spannend wird diese Perspektive im Zusammenhang mit frühkindlicher Prägung und transaktionsanalytischen Denkansätzen. Die Transaktionsanalyse (TA) geht davon aus, dass sich bereits in früher Kindheit grundlegende Entscheidungen und Sichtweisen auf sich selbst, andere Menschen und die Welt herausbilden. Aus frühen Beziehungserfahrungen entstehen sogenannte Lebensskripte, innere Überzeugungen und Muster darüber, ob Menschen als vertrauenswürdig, unterstützend, gefährlich, liebevoll oder abwertend erlebt werden.

Auch die bekannten Grundpositionen der TA – etwa „Ich bin OK, du bist OK“ – beschreiben letztlich tief verankerte Menschenbilder, die später Wahrnehmung, Beziehungsgestaltung und professionelles Handeln beeinflussen.

Gerade diese früh entstandenen inneren Landkarten wirken häufig unbewusst weiter. Sie beeinflussen, wie Menschen Konflikte und Probleme interpretieren, wie sie mit Fehlern umgehen, welche Erwartungen sie an Beziehungen stellen und welche Werte sie als bedeutsam erleben. Menschenbilder entstehen damit nicht isoliert im Erwachsenenalter durch reine Theorieaneignung, sondern entwickeln sich biografisch aus frühen Erfahrungen von Bindung, Resonanz, Sicherheit oder Ablehnung. Werte wie Leistung, Fürsorge, Loyalität, Freiheit oder Kontrolle bauen sich häufig auf diesen frühen Beziehungserfahrungen auf.

Menschenbilder entstehen schrittweise in der frühen Kindheit durch Interaktionen und Erfahrungen mit Bezugspersonen. Säuglinge entwickeln über Bindungserfahrungen Grundannahmen über sich selbst und die Welt, die im Laufe der Kindheit durch soziale Lernprozesse, interne Selbst- und Erzählmodelle und kulturelle Normen erweitert werden.

Schon im Säuglingsalter prägen sichere versus unsichere Bindungen ein erstes Selbst-/Welt-Modell (Arbeitsmodell). Zu den Mechanismen gehören das Urvertrauen (nach Erikson), durch das Kinder lernen, ob die Welt als sicher oder bedrohlich erlebt wird. Parallel entwickeln Kinder in dyadischen Erzähl- und Interaktionsprozessen ihre autobiographischen Selbstbilder und übernehmen Wertvorstellungen ihrer Familie (z. B. in gemeinsamen Erinnerungsgesprächen). Nach der Transaktionsanalyse legen Kinder im „Lebensskript“ bereits bis etwa 7 Jahren unbewusste Grundhaltungen fest: Hier gestaltet das Kind ein inneres Bild von sich, anderen und der Welt (zum Beispiel „Ich werde geliebt“ oder „Ich habe keinen Wert“).

Mit dem Übergang ins Vorschul- und Schulalter erweitern kognitive Fähigkeiten diese Basismodelle. Laut Piaget entwickeln Kinder zunehmend ein Verständnis von Absichten, Gerechtigkeit und Regeln, wodurch ihr Menschenbild differenzierter wird (z. B. Gerechtigkeitsempfinden, Kooperation). In der Pubertät ermöglichen formale Denkfähigkeit und kulturelle Reflexion eine kritische Neubewertung früherer Annahmen sowie die Integration kultureller Werte (Haidt 2012) und die Herausbildung einer eigenen Identität (Erikson 1968). Zusammengefasst stützen sich Menschenbilder auf frühe Bindungserfahrungen und Prägungen (Bowlby 1969), soziale Nachahmung und Internalisierung (Grusec & Goodnow 1994), biographische Selbst- und Fremderzählungen (Fivush & Hessel 2014) sowie kulturell vermittelte Normen. Diese Faktoren interagieren mit dem heranwachsenden Denken und Wertesystem des Kindes, sodass sich über die Phasen von Säugling bis Jugendalter allmählich ein persönliches Menschen- und Selbstbild herausbildet.

Die grundlegenden Lebenspositionen
Die grundlegenden Lebenspositionen (Auszug aus der Präsentation zur Transaktionsanalyse)
Dr. Kai Kochmann
Dr. Kai Kochmann

Thematisch passend und unsere Leseempfehlung:

Transaktionsanalyse: Führung, Beziehung und die verborgene Dynamik psychologischer Spiele

Einblicke aus dem Vortrag von Dr. Kai Kochmann in unserer Coaching-Ausbildung am 12.04. 2026 zur Transaktionsanalyse „Spiele“ der Erwachsenen – Transaktionsanalyse in der Praxis: Theorie, Beispiele, Analyse-Option

Pränatale und frühkindliche Einflüsse

Schon pränatal bilden sich zentrale Hirnstrukturen: Der Fötus reagiert auf mütterliche Hormone, Stress und Rhythmen (z.B. HPA-Achse), was die spätere Emotionalität mitprägt. Nach der Geburt bleibt das Gehirn äußerst plastisch. Säuglinge tragen bereits “innere Repräsentationen” früherer Interaktionen in sich, die ihr späteres Affektverhalten lenken. Empathische Co-Regulation durch Bezugspersonen (z.B. feinfühliges Antworten auf Weinen) unterstützt die Ausbildung eines gesunden Bindungssystems und legt implizite Annahmen über das Vertrauen in andere fest.

Bindung und Lebensskript

Bis etwa zum 7. Lebensmonat können Kinder präferierte Bezugspersonen erkennen, und im 8.–12. Monat entstehen Trennungsängste. Ainsworth beschrieb, dass Kleinkinder ab etwa 0,5–2 Jahren feste Bindungen ausbilden. Bowlby zufolge entwickeln sie dabei “innere Arbeitsmodelle” über die Zuverlässigkeit anderer und des Selbst. Parallel dazu postuliert die Transaktionsanalyse, dass Kinder schon im frühen Alter ein unbewusstes „Lebensskript“ formulieren. In den ersten sieben Jahren „machen wir uns ein Bild von uns selbst, den anderen und der Welt“. Früh gelernte Werte und Konfliktlösungsmuster werden so als Lebensdrehbuch (TA) festgelegt und wirken oft lange nach.

Kognitive Entwicklung und Sozialisation

Im Schulkindalter (ca. 7–11 Jahre) erreichen Kinder das konkret-operationale Denken, das logische Schlüsse über konkrete Sachverhalte erlaubt. Ab etwa 11 Jahren folgt nach Piaget die formal-operationale Phase: Jugendliche können abstrakt über Moral, Politik oder Menschenbilder nachdenken. Gleichzeitig erweitern Familie, Kultur und Freunde das innere Menschenbild: Eltern, Schule, Religion und die Peergroup vermitteln Werte, Normen und Rollenbilder. Diese Sozialisation führt zu wechselseitiger Anpassung – Kinder übernehmen kulturelle Deutungsmuster, können sie aber in Bildung und Peer-Kontakten auch hinterfragen.

Spätere Anpassung und Revision

Menschenbilder bleiben nicht absolut unveränderlich. Neurobiologische Plastizität ermöglicht lebenslanges Lernen: Das Gehirn „hat die erstaunliche Fähigkeit, sich … durch Lernen oder Erfahrung neu zu verdrahten“. Aktuelle Befunde betonen, dass das erwachsene Gehirn „bei weitem nicht festgelegt“ ist. Intensive Lebenserfahrungen (z.B. schwere Enttäuschungen, Therapien oder neue Rollen) können anfänglich erworbene Überzeugungen revidieren. Dennoch zeigt Forschung, dass gerade frühe Bindungsmuster und Grundannahmen als stabile Grundlage bestehen bleiben, auch wenn sie situativ modifiziert werden.

Mechanismus

Typische Altersphase

Stabilität/Plastizität

Pränatale Einflüsse (Genetik, pränatale Umwelt)

pränatal

Legen grundlegende Programme fest (hohe Stabilität)

Säuglingsbindung und Co-Regulation

0–2 Jahre

Sehr prägend; innere Modelle oft stabil, aber neu beeinflussbar

Lebensskriptbildung (TA) und frühe Werte

0–6/7 Jahre

Fundamentale Lebensannahmen; im Erwachsenenalter begrenzt anpassbar

Kognitive und sprachliche Entwicklung

7–11 Jahre (konkret), ab 11 Jahre (formal)

Ermöglicht abstraktes Denken; Anpassung von Vorstellungen möglich

Soziale Sozialisierung (Familie, Peers, Kultur)

0–18 Jahre

Dauerhafter Einfluss; Werte und Normen flexibel erlernbar

Lebensereignisse und spätere Revision

Jugend/Erwachsenenalter

Größere Umbauvorgänge möglich (hohe Plastizität bei Schlüsselerlebnissen)

Menschenbilder - unterschätzt und unbewusst denk- und handlungsleitend
Menschenbilder - unterschätzt und unbewusst denk- und handlungsleitend

Bedeutsamkeit für Coaching

Im Coaching zeigt sich deshalb immer wieder: Coaching-Konzepte entstehen nicht ausschließlich aus wissenschaftlichen Modellen oder methodischen Vorlieben. Sie entwickeln sich immer auch aus tiefen Annahmen darüber, wie Menschen gesehen werden – eher ressourcenorientiert oder problemorientiert, eher autonom oder abhängig, eher vertrauenswürdig oder kontrollbedürftig.

Professionalisierung bedeutet daher nicht nur Methodenkompetenz, sondern auch die bewusste Reflexion dieser eigenen Grundannahmen.

Gerade konstruktivistische Perspektiven verdeutlichen zusätzlich, dass Menschen Wirklichkeit nicht objektiv wahrnehmen, sondern auf Grundlage ihrer bisherigen Erfahrungen und inneren Konstruktionen deuten.
Menschenbilder bilden damit gewissermaßen den Boden, auf dem Werte, Haltung und professionelle Konzepte wachsen. Erst die reflektierte Verbindung von Menschenbild, biografischer Prägung, Werten, Wissenschaft und Handlung führt zu einer professionellen Handschrift im Coaching.

Methoden allein machen deshalb noch keine Professionalität aus. Professionalisierung beginnt häufig dort, wo Menschen ihre eigene Sicht auf Menschen bewusst wahrnehmen, reflektieren und verantwortungsvoll weiterentwickeln.

Thematisch passend und unsere Leseempfehlung:

In Monika Zimmermanns Herausgeberband „Coaching-Konzepte entwickeln – Zur Professionalität zwischen Haltung, Wissenschaft und Praxis“ widmet sie ein ganzes Kapitel dem Menschenbild und seiner Bedeutung für die Professionalisierung von Coaches:

Die unsichtbare Brille des Coachs – Menschenbilder als Fundament und Orientierung für professionelles Handelns

„Das Kapitel beleuchtet Menschenbilder als grundlegendes Fundament professioneller Coaching-Konzepte und zeigt deren Bedeutung für Haltung, Werte, Beziehungsgestaltung und methodisches Handeln im Coaching auf.
Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Coaches niemals neutral arbeiten, sondern ihr professionelles Handeln stets durch explizite oder implizite Annahmen über den Menschen geprägt ist. Menschenbilder beeinflussen, wie Entwicklung, Veränderung, Verantwortung, Autonomie und Potenzial verstanden werden und bestimmen damit maßgeblich die Gestaltung von Coaching-Prozessen.“

Zimmermann (2026), Seite 38 (Abstract)

Buchcover Zimmermann, M. (Hrsg.) (2026). Coaching-Konzepte entwickeln. Zur Professionalität zwischen Haltung, Wissenschaft und Praxis. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-53211-6.
Auf das Buchcover klicken,
um beim Verlag zu bestellen.

„Das eigene Coaching-Konzept ist das wichtigste „Handwerkszeug“ eines Coaches und klärt sein Selbstverständnis. Aber was gehört zu einem Konzept? Das Buch „Coaching-Konzepte entwickeln“ klärt genau das auf professionellem Niveau. Es ist daher ein wichtiges Buch für Coaches und die gesamte Coaching-Branche.“

Dr. Christopher Rauen

Literaturangaben

  • Bowlby, J. (1969). Attachment and Loss: Vol. 1. Attachment. New York: Basic Books.
  • Erikson, E. H. (1968). Identity: Youth and Crisis. New York: Norton.
  • Fivush, R., & Hessel, F. (2014). Die Entwicklung des autobiographischen Gedächtnisses. In G. Stein (Hrsg.), Gedächtnis und Erinnerung (S. 45–53). Berlin: Springer.
  • Piaget, J. (1932). The Moral Judgment of the Child. London: Kegan Paul.
  • Zimmermann, M. (Hrsg.) (2026). Coaching-Konzepte entwickeln. Zur Professionalität zwischen Haltung, Wissenschaft und Praxis. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 978-3-658-53211-6.

Thematisch passend und unsere Leseempfehlung:

Im aktuellen „Orientierungsplan für Bildung und Erziehung in baden-württembergischen Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege“ wird auch das Menschenbild als Teil der kindlichen Entwicklung hervorgehoben:

Miteinander leben – kulturelle, weltanschauliche und religiöse Vielfalt annehmen und gestalten: Kinder wachsen in einer kulturell und religiös heterogenen Gesellschaft auf. Auch Kindertageseinrichtungen sind Bildungsorte kultureller Vielfalt. Verschiedene kulturelle und religiöse Vorstellungen und Überzeugungen sind eine Bereicherung für ein Miteinander in Gemeinschaft und sind Teil jeder Kindertageseinrichtung. Pädagogischen Fachkräften kommt die Aufgabe zu, Vielfalt sensibel und vorurteilsbewusst wahrzunehmen und als Bildungschance konstruktiv zu gestalten.

(siehe 2.3.6 Kultur, Werte, Religion)

Prof. Dr. Monika Zimmermann ist vielfältig engagiert in der frühkindlichen Bildung, in der frühen naturwissenschaftlichen Bildung und in den letzten Jahren zunehmend im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Sie durfte beim Schreiben in der Autorinnengruppe zum Handlungsprinzip BNE des Orientierungsplanes für Bildung und Erziehung in der Kita, Baden-Württemberg mitwirken.

„Orientierungsplan für Bildung und Erziehung in baden-württembergischen Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege“ (2025). Verlag Herder GmbH. Freiburg im Breisgau 2025

Sie möchten mehr zum Thema Coaching erfahren und/oder sich als Coach professionalisieren, um Menschen zu inspirieren?

Dann erfahren Sie hier mehr zu unserem Ausbildungsangebot. Oder melden Sie sich direkt für einen unserer kostenlosen Info-Abende zur Coaching-Ausbildung mit Start im September 2027 an. Hier können Sie das Zentrum sowie Inhalte und didaktisches Konzept der Ausbildung besser kennenlernen. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, all Ihre Fragen direkt an die Ausbildungsleitung zu richten. Termine und das Anmeldeformular für den Info-Abend finden Sie hier.