Personzentrierter Ansatz

Was ist und warum der Personzentrierte Ansatz (PZA)?

Kolumnebeitrag von Monika Zimmermann und Dietmar Steinbach

Der Personzentrierte Ansatz (PZA) versteht den Menschen als ein Wesen mit einer inhärenten Aktualisierungstendenz, also dem gleichzeitigen Streben nach Entwicklung, Selbstverwirklichung und Ordnung. Diese Dynamik kann sowohl Wachstum fördern als auch in rigide, überstabile Muster führen, die Entfaltung begrenzen. Veränderung entsteht daher durch eine tragfähige Beziehung, die von Wertschätzung, Empathie und Kongruenz geprägt ist. In einem solchen Klima werden Selbstexploration, Selbstregulation und die Annäherung von Real- und Ideal-Selbst ermöglicht. Aktives Zuhören, Spiegeln und ein nicht-wertendes Verstehen unterstützen Klient:innen dabei, eigene Gefühle, Bedeutungen und Handlungsmuster bewusst wahrzunehmen (aus der meist noch nebligen Zone des Vorbewussten) und selbstverantwortlich weiterzuentwickeln.

Menschenbild

Der Personzentrierte Ansatz versteht den Menschen als ein grundsätzlich entwick-lungs- und wachstumsfähiges Wesen (Selbstregulation und Selbstentwicklung). Im Zentrum steht die Aktualisierungstendenz – die innewohnende Dynamik des Menschen, sich zu entfalten, Erfahrungen zu integrieren und ein stimmiges Selbst zu entwickeln. Die psychischen Bedingungen der Person können sowohl konstruktive Wachstumsprozesse als auch rigide oder blockierende Muster hervor-bringen.

Problemverständnis

Psychische Belastungen entstehen vor allem durch Inkongruenzen zwischen Erleben, Selbstbild und äußeren Bedingungen. Wenn Menschen sich nur unter bestimmten Bedingungen angenommen fühlen, verlieren sie zunehmend den Kontakt zu eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Erfahrungen. Dies kann zu inneren Spannungen, Unsicherheit oder starren Verhaltensmustern führen. Probleme werden daher als Ausdruck blockierter Selbstentwicklung verstanden.

Fokus

Im Mittelpunkt steht die Förderung von Selbstexploration, Selbstannahme und Kongruenz. Ziel ist es, Menschen darin zu unterstützen, wieder in Kontakt mit ihren eigenen Erfahrungen, Gefühlen und Bedürfnissen zu kommen und daraus selbstbestimmte Entscheidungen zu entwickeln. Die Beziehungsgestaltung gilt dabei als zentraler Wirkfaktor für Veränderung und persönliches Wachstum.

Methodische Umsetzung

Die methodische Umsetzung erfolgt vor allem über die therapeutische bzw. coachende Haltung. Zentral sind die drei Grundhaltungen Empathie, Wertschätzung und Kongruenz. Coaches oder Therapeut:innen hören aktiv zu, spiegeln Gefühle und begegnen dem Gegenüber authentisch sowie nicht-direktiv. Durch dieses vertrauensvolle Klima sollen Selbstreflexion, emotionale Öffnung und persönliche Entwicklung ermöglicht werden.

Banner Podcast
Hier geht´s zum Podcast "Zum Wachstum inspirieren" mit Prof. Dr. Monika Zimmermann
5 Kern-Begriffe
  1. Beziehung (Wertschätzung (unconditional positive regard), Empathie (innerer Bezugsrahmen der Person), Kongruenz)
  2. Aktualisierungstendenz als grundlegendes Motiv für Selbstentfaltung
  3. Dynamisches Selbstkonzept (Real- und Ideal-Selbst)
  4. Kongruenz von Erleben, Verhalten, Selbstbild Fully Functioning Person
  5. Humanistisches Menschenbild plus phänomenologisches Erleben: subjektive Wirklichkeit der Person zentral für Verstehen und Intervention
Kurzstruktur
  • Zentrum: Aktualisierungstendenz
  • Selbstebene: Selbstkonzept (Real vs. Ideal)
  • Dynamik: Kongruenz ↔ Inkongruenz
  • Haltung (WEK): Wertschätzung, Empathie, Kongruenz
  • Beziehung: Arbeitsallianz als Wirkraum
  • Anzustrebendes Ideal: Fully Functioning Person

Der Personzentrierte Ansatz versteht den Menschen als selbstorganisierendes, entwicklungsfähiges Wesen, das auf Grundlage seiner Aktualisierungstendenz in einer von Empathie, Wertschätzung und Kongruenz geprägten Beziehung sein Selbstkonzept integriert, weiterentwickelt und zu innerer Stimmigkeit gelangt.

Zimmermann & Wunder (Hrsg.) Du bist die Methode
Auf das Buchcover klicken, um den Herausgeberband beim Verlag zu bestellen.
Auch als eBook verfügbar.

„Das Buch bietet einen vielfältigen und dabei sehr differenzierten Überblick über die große Landschaft des Coachings. Besonders wertvoll dabei finde ich, wie überzeugend dargelegt wird, dass alle Methoden, Techniken und ‚tools‘ ihren Wert erst gewinnen durch eine ethisch kongruente Haltung mit tiefem Respekt vor der Einzigartigkeit und Unterschiedlichkeit von Menschen. Mit seiner Offenheit ansteckenden Neugier auch über den ‚Tellerrand des Coachings‘ hinaus und auf die sich in Coachings begegnenden multiplen Perspektiven bietet es einen reichhaltigen Schatz sehr anregender Lernchancen.“ 

Dr. med. Dipl. rer. pol. Gunther Schmidt

„Dieses Buch ist wichtig, weil es eine Sache deutlich macht: Coaching braucht Haltung. Und diese Coaching-Haltung beschränkt sich nicht auf eine Methode, Schule oder Theorie. Sie ist interdisziplinär. Aus meiner Sicht ist das die Grundlage für die Profession Coaching.“

Dr. Christopher Rauen

Selbstorganisation Aktualisierungstendenz Wachstum

Der Mensch ist ein selbstregulierendes Wesen (Aktualisierungstendenz als tragende Dimension).
Im Zentrum steht die Aktualisierungstendenz als grundlegende Ausrichtung des Menschen, die Tendenz, sich zu erhalten, weiterzuentwickeln und seine Potenziale, die eigenen Möglichkeiten zu entfalten. Dieses Wachstum erfolgt als selbstorganisierender Prozess (innere Selbstorganisation und Anpassung an die Umwelt) in Wechselwirkung mit der Umwelt und benötigt keinen äußeren Antrieb. Gleichzeitig zeigt sich eine Spannung zwischen Erneuerung und Ordnung, die Entwicklung dynamisch vorantreibt.

Konstruktion Realität Perspektiven

Realität wird subjektiv erlebt und im Selbstkonzept organisiert.
Wirklichkeit bezeichnet die „Dinge an sich“, die auf uns einwirken, aber nie vollständig erkannt werden können. Realität hingegen ist das, was Menschen daraus machen, das Ergebnis subjektiver, biografisch und kulturell geprägter Konstruktionsprozesse. Menschen leben daher nicht in der Wirklichkeit selbst, sondern in ihren konstruierten Realitäten. Entwicklung bedeutet, diese eigenen Realitätskonstruktionen zu reflektieren, zu erweitern und in Beziehung zu anderen Perspektiven zu setzen. Um Verhalten zu verstehen, ist entscheidend, wie Menschen ihre Erfahrungen wahrnehmen und bewerten. Dieses Erleben wird im Selbstkonzept strukturiert, das sich aus Real-Selbst (tatsächliche Erfahrungen) und Ideal-Selbst (angestrebtes Selbstbild) zusammensetzt. Entwicklung gelingt, wenn beide zunehmend in Übereinstimmung kommen.

Selbstkonzept Real- und Ideal-Selbst WEK-Ruf

Menschenbild: sinnhaft organisiert selbstregulierend, beziehungsfähig, entwicklungsorientiert
Der Mensch wird als konstruktiv, entwicklungsfähig und zur Selbstregulation und -entwicklung fähig verstanden. Sein Erleben organisiert sich im Selbstkonzept, das sich aus Real-Selbst und Ideal-Selbst zusammensetzt. Entwicklung gelingt, wenn sich beide annähern und Erfahrungen integriert werden können. Entwicklung und Veränderung entsteht in einer tragfähigen Beziehung, die durch Wertschätzung, Empathie und Kongruenz geprägt ist (WEK-Ruf). In einem solchen Klima kann sich die Aktualisierungstendenz gesund entfalten und das Selbstkonzept weiterentwickeln.

Dynamik Spannungen Ordnungsübergänge

Zentrale Dynamik: Kongruenz, Inkongruenz und Ordnungsübergänge
Psychische Spannungen entstehen, wenn Erfahrungen nicht in das Selbstkonzept integriert werden können (Inkongruenz) und dadurch eine Diskrepanz zwischen Real- und Ideal-Selbst entsteht. Diese Inkongruenz kann z.B. zu Unsicherheit, Angst und innerer Unruhe führen. Entwicklung bedeutet, diese Spannungen zu reduzieren und wieder stimmiger mit sich selbst zu werden. Entwicklung erfolgt durch Ordnungsübergänge, in denen sich neue, passendere Strukturen bilden und die innere Balance wiederhergestellt wird.

fully functioning person Offenheit Integration

Anzustrebendes Ideal ist eine Person, die offen für Erfahrungen ist, ihrem organismischen Erleben vertraut und ihr Leben aus innerer Stimmigkeit gestaltet (fully functioning person). Sie integriert neue Erfahrungen flexibel, entwickelt ihr Selbstkonzept fortlaufend weiter und gestaltet ihr Leben aus inne-rer Stimmigkeit heraus, als einen dynamischen Prozess des Werdens.

Literatur

Zimmermann, M. & Steinbach, D. (2026). Wertschätzung, Empathie und Kongruenz als Kernbedingungen und kommunikative Grundlagen eines wachstumsfördernden Klimas – Leichter gesagt als getan!
In: M. Zimmermann & J. Wunder (Hrsg.). Du bist die Methode. Professionell coachen durch Interdisziplinarität und Perspektivenreichtum (S. 51–72). Heidelberg: Carl-Auer.

Sie möchten mehr zum Thema Coaching erfahren und/oder sich als Coach professionalisieren, um Menschen zu inspirieren?

Dann erfahren Sie hier mehr zu unserem Ausbildungsangebot. Oder melden Sie sich direkt für einen unserer kostenlosen Info-Abende zur Coaching-Ausbildung mit Start im Oktober 2026 an. Hier können Sie das Zentrum sowie Inhalte und didaktisches Konzept der Ausbildung besser kennenlernen. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, all Ihre Fragen direkt an die Ausbildungsleitung zu richten. Termine und das Anmeldeformular für den Info-Abend finden Sie hier.